Full text : Weltporto-Reform

XIX

Portoermässigungen,  die  „gewisse  Individuen“  forderten,  und  sagte,  später
deutlicher  werdend:  von  allen  wüsten  und  phantastischen  Plänen,  die  ihm
bekannt  geworden,  sei  der  Hillsche  der  aussergewöhnlichste  („of  all  the
wild  and  visionary  schemes  which  he  had  ever  heard  or  read  of,  it  was  the
most  extraordinary“).  Er  geriet  immer  in  Erregung,  sobald  vom  Pennyporto ­
  die  Hede  war,  sagte  der  Premierminister  Lord  Melbourne  im  Vertrauen ­
  zu  Hill.  Zur  Wiedererzielung  der  alten  Einnahme  erschien  ihm
eine  Steigerung  des  Briefverkehrs  um  das  12  fache  erforderlich.
Der  zweite  Beamte  des  G-eneralpostamts,  Unterstaatssekretär  (Secretary)
  Oberst  Maberly,  war  Hills  Projekten  nicht  minder  gründlich  abgeneigt. ­
  Vor  der  parlamentarischen  Untersuchungskommission,  die  63  mal
tagte  und  an  die  geladenen  Zeugen  etwa  12  000  Prägen  richtete,  erklärte
er,  dass  die  Portosätze  allerdings  auch  ihm  zu  hoch  erschienen,  und  dass
seit  Jahren  schon  jeder  Generalpostmeister  dieser  Ansicht  gewesen  sei.  Ein
Einheitsporto  wäre  ihm  zwar  sympathisch,  aber  er  halte  es  für  gar  nicht
durchführbar  (practicable).  Er  und  andere  vorgeladene  Postbeamte  zweifelten
auch  an  der  Durchführbarkeit  der  Vorausbezahlung  des  Portos,  und  mit
dem  Generalpostmeister  glaubte  er,  dass  das  Publikum  sie  ablehnen  würde.
Der  Briefschmuggel,  so  äusserte  er  sehr  treffend,  könnte  erst  aufhören,
wenn  die  Taxsätze  so  niedrig  seien,  dass  die  Schmuggler  nicht  mehr  erheblich ­
  profitierten.  Das  wollte  aber  Hill  auch  nur.  Die  Stempelwertzeichen,
meinte  Maberly,  wären  bei  der  grossen  Anzahl  von  9  verschiedenen  Briefklassen ­
  ganz  undurchführbar,  auch  befürchtete  man  Fälschungen.
Die  Vertreter  der  Postverwaltung  hielten  aber  auch  nichts  von  der
Brieftaxe  nach  Gewicht,  statt  nach  einzelnen  Briefbogen.  Mit  ihrer  Empfehlung ­
  wäre  Hill  damals  also  nicht  weit  gekommen.
Der  Superintendent  der  Postkutschen  meinte,  diese  würden  die
Briefverkehrssteigerung  gar  nicht  bewältigen  können.  Die  Postkommission
berechnete  aber,  dass  sie  nur  zu  einem  Viertel  ausgenutzt  würden  und  noch
zu  einer  24  fachen  Briefsteigerung  ausreichten.
Maberly  ging  so  weit,  zu  erklären,  schon  bei  der  ersten  Lektüre  der
Hillschen  Schrift  sei  ihm  sein  Plan  völlig  irrig  und  höchst  närrisch  (utterly
fallacious  and  most  preposterous)  vorgekommen,  dazu  ohne  Stütze  von  Tatsachen ­
  und  bloss  auf  Vermutungen  gegründet.  Bei  einer  Portoherabsetzung
auf  1  Penny  würden  die  Einnahmeverluste  in  40  oder  50  Jahren  nicht  gedeckt ­
  werden  (revenue  would  not  recover  itself  for  fourty  or  fifty  years).
Auch  in  der  Presse  gab  es  manche  Gegner  der  Reform.  In  einem
Artikel  der  Quarterly  Review  wandte  sich  noch  vor  ihrer  Einführung
ein  gewisser  Croker  heftig  gegen  Hill  und  seine  Anhänger,  wies  auf  die
Pariser  Stempelumschläge  von  1653  hin,  meinte,  dass  die  Vorausfrankierung
allgemein  für  nichts  weniger  als  bequem  gehalten  werde,  und  behauptete,  dass
das  Pennyporto  —  offenbar  durch  seine  Billigkeit  für  jedermann  —  nur
Aufstände  und  Empörungen  erleichtern  würde  (sedition  made  easy)
Als  Rowland  Hill  dann  für  zwei  Jahre  vom  Schatzamt  engagiert
wurde,  hatte  er  im  Generalpostamt  nicht  bloss  mit  Anfeindungen,  Widerständen ­
  und  Neid  zu  kämpfen,  sondern  auch  der  Schatzkanzler  Baring
            
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