28 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
von etwa zwanzig größeren deutschen Zeitungen geschickt hatte, wurde in noch viel mehr
Blättern teils vollständig, teils im Auszug veröffentlicht und vielfach günstig besprochen.
Er bildete den Anfang einer Bewegung für volkswirtschaftliche Reformen und machte
mich plötzlich zum Agitator, ohne daß ich bei der Veröffentlichung des Aufrufs dies
geahnt hatte; es tvar jedoch an ein Zurückweichen meinerseits nicht zu denken, denn
nicht nur viele Redakteure, Kaufleute und Gewerbetreibende, sondern auch hohe Be
amte und Politiker, wie der Regierungspräsident Staatsrat Francke in Koburg, der
spätere Finanzminister v. Patow, Präsident Lette in Berlin und vor allen Schulze-
Delitzsch äußerten sich zustimmend zu dem Plane und rieten, von Bremen aus die
Vorbereitungen zu einem Kongresse Deutscher Volkswirte in die Land zu nehmen.
Auf Anraten Franckes machte ich den Versuch, die in Koburg versammelten deutschen
Landwirte für die Sache zu gewinnen. Meine in Koburg gehaltene Ansprache fand
jedoch gar keinen Anklang, und erst der in Frankfurt a. M. im September 1857 ab
gehaltene internationale Wohltätigkeitskongreß wurde die eigentliche Wiege des Volks
wirtschaftlichen Kongresses.
Die dort zahlreich versammelten deutschen Volkswirte, an deren Spitze Präsident
Lette und Schulze-Delitzsch standen, konnten mit ihrer nationalökonomischen Richtung
gegen die auf dem Kongreß vorherrschende belgische Richtung der cksrite nicht durch
dringen und die Genossenschaftsfragc gar nicht einmal vor dem Plenum des Wohl
tätigkeitskongresses zur Verhandlung bringen. Infolgedessen versammelten sich die
deutschen Mitglieder dieses internationalen Kongresses am 16. September 1857 zu
einer Scparatbesprechung im Lote! Landsberg. Dort hielt Schulze-Delitzsch einen
zündenden Vortrag über das Assoziationswesen, an welchen sich eingehende Beratungen
anschlossen über Mittel und Wege, um die volkswirtschaftliche Bildung im deutschen
Volke weiter zu verbreiten und eine Verständigung über wichtige, volkswirtschaftliche
Fragen durch einen Kongreß Deutscher Volkswirte herbeizuführen, sowie überhaupt
bessere volkswirtschaftliche Einrichtungen anzubahnen.
Der von der Versammlung gebilligte „Aufruf zur Bildung von volkswirtschaft
lichen Vereinen" trug zahlreiche Unterschriften, unter denen nur diejenigen der Äeidel-
berger Professoren Mittermaier, Rau und Welcker, ferner Professor Schubert
in Königsberg, Dr, Asher in Hamburg, Regierungspräsident Francke in Koburg
und Schulze-Delitzsch erwähnt werden mögen. Bremen wurde zum provisorischen
Vorort erwählt und ein Redaktionsausschuß aus den Herren Dr. Pickford in Heidel
berg, Max Wirth in Frankfurt a. M. und Dr. Böhmert in Bremen gebildet. An
diesen Ausschuß gelangte im Juni 1858 ein Schreiben des Vorsitzenden des Zentral
vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen, Dr. Lette, worin vorgeschlagen wurde,
den Kongreß Deutscher Volkswirte im Herbst 1858 in Gotha statt in Berlin abzuhalten.
Der in Frankfurt a. M. gewählte Redaktionsausschuß stellte für die Beratung folgende
Hauptpunkte auf: 1. Die Reform der Gewerbegesehe; 2. das Assoziationswesen in
Deutschland; 3. die Durchfuhrzölle des Zollvereins; 4. Spielbanken, Lotto und Lotterien
und 5. die Wuchergesetze. Das Gothaer Lokalkomitee wünschte einen volkswirtschaft
lichen Verein zu gründen und vorerst ein Programm und Statut zu beraten. Karl
Mathy, damals noch Bankdirektor in Gotha, kam nach Bremen, um sich mit mir
darüber zu verständigen; aber ich widerstrebte aufs Äußerste, daß man damit anfangen
solle, eine von uns geplante nationale Bewegung für volkswirtschaftliche Reformen mit
der Beratung von Grundrechten zu beginnen, was für die politische Bewegung des
Jahres 1848 und für die Frankfurter Nationalversammlung ja so verhängnisvoll ge
wesen war. Llnser Redaktionsausschuß wollte in Gotha sofort mit der Beratung
brennender praktischer Tagesfragen beginnen, um die bei der deutschen Gründlichkeit
gefahrvolle Beratung von theoretischen und formellen Fragen zu vermeiden. Wir
mußten dem Gothaer Lokalausschuß einige Konzessionen in Bettest der Berufung der