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Zweiundzwanzigstes Buch.
fluteten ihm die Rhythmen reimlos und fast nicht mehr ge—
bunden, und titanischer Stolz wie die tiefste aller Nieder—
geschlagenheiten, Extreme des Gefühlslebens überhaupt, durch—
färbten sein Dichten. Aber auch in diesen Zeiten, wie in den
früheren der Anakreontik, fehlte nicht ein gewisses Maß, ein
Allgemeinmenschliches, das selbst tändelnde Liebeslieder fühlen
lassen. Nicht minder aber lag Goethe das Volkstümliche selbst
im ursprünglichen Verstande Schubarts und Bürgers nahe,
und keineswegs entbehrte er jenes gleichsam stummen Zuges
zum rein Objektiven, das ein Merkmal aller Naturalismen zu
schein scheint. Aber in Gedichten wie „Sah ein Knab' ein
Röslein stehn“ wußte er das Volkstümliche doch wiederum schon
menschlichem Gemeingefühle dienstbar zu machen; und das rein
Objektive belebte sich für ihn durch Kontraste in dasselbe rein
Menschliche: so in „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“:
Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiuer Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.
Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und AÄolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land
Und in welchem Grade gar herrscht in Goethes Dichtung
das persönliche Erlebnis! Der Dichter konnte der Sammlung
seiner Lieder später die Losung vorsetzen: