fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
fluteten ihm die Rhythmen reimlos und fast nicht mehr ge— 
bunden, und titanischer Stolz wie die tiefste aller Nieder— 
geschlagenheiten, Extreme des Gefühlslebens überhaupt, durch— 
färbten sein Dichten. Aber auch in diesen Zeiten, wie in den 
früheren der Anakreontik, fehlte nicht ein gewisses Maß, ein 
Allgemeinmenschliches, das selbst tändelnde Liebeslieder fühlen 
lassen. Nicht minder aber lag Goethe das Volkstümliche selbst 
im ursprünglichen Verstande Schubarts und Bürgers nahe, 
und keineswegs entbehrte er jenes gleichsam stummen Zuges 
zum rein Objektiven, das ein Merkmal aller Naturalismen zu 
schein scheint. Aber in Gedichten wie „Sah ein Knab' ein 
Röslein stehn“ wußte er das Volkstümliche doch wiederum schon 
menschlichem Gemeingefühle dienstbar zu machen; und das rein 
Objektive belebte sich für ihn durch Kontraste in dasselbe rein 
Menschliche: so in „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“: 
Tiefe Stille herrscht im Wasser, 
Ohne Regung ruht das Meer, 
Und bekümmert sieht der Schiffer 
Glatte Fläche rings umher. 
Keine Luft von keiuer Seite! 
Todesstille fürchterlich! 
In der ungeheuern Weite 
Reget keine Welle sich. 
Die Nebel zerreißen, 
Der Himmel ist helle, 
Und AÄolus löset 
Das ängstliche Band. 
Es säuseln die Winde, 
Es rührt sich der Schiffer 
Geschwinde! Geschwinde! 
Es teilt sich die Welle, 
Es naht sich die Ferne; 
Schon seh' ich das Land 
Und in welchem Grade gar herrscht in Goethes Dichtung 
das persönliche Erlebnis! Der Dichter konnte der Sammlung 
seiner Lieder später die Losung vorsetzen:
	        
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