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Bildende Runst.
her, noch von den technischen Voraussetzungen der alten Kunst
aus Ideal und Kanon dieser Figuren geschaffen werden, sollte
anders auch ein idealistischer Zweig des vollen Impressionis—
mus gedeihen und Blüten und Früchte tragen in reicher Fülle.
Dies Ideal, die moderne malerisch-plastische Form des
Reinmenschlichen zu schaffen, war Feuerbach sein Leben hin—
durch bemüht. Die Höhe seiner Kunst aber liegt in der Zeit,
da er in der Verwirklichung dieses Ideals rasch fortschritt,
ohne doch schon die koloristischen Fähigkeiten seiner Jugendzeit
verloren zu haben. Es ist eine Periode, die sich mit dem
Dantebild von 1858 ankündigt und in wachsenden Leistungen
bis zu den Jahren 1870 bis 1871 ansteigt. Dabei verein—
fachten sich dem Meister in dieser großen Zeit auch die Pro—
bleme der Komposition immer mehr, und seine Formensprache
wurde immer energischer. Welch ein Abstand in dieser Hinsicht
oon der Madonna der Dresdener Galerie von 1860 bis zu den
Bildern der Schackgalerie („Pieta“ 1863, „Francesca da Rimini“
1864, „Hafis am Brunnen“ 1866), und noch viel mehr von hier
bis zum „Gastmahl des Platon“, dessen erste Ausführung (jetzt
in Karlsruhe) 1867 begonnen ward, und den Iphigenien- und
Madonnenbildern oder auch dem „Varisurteil“ der letzten Jahre
dieser Periode.
Aber indem diese Vereinfachung eintrat, verschob sich in
den letzten fünfzehn Lebensjahren der Gestaltungstrieb des
Meisters nach zwei Seiten hin. Die Form besiegte immer
mehr das Element des Malerischen und sogar des Räumlichen
im weiteren Sinne; und indem sie überwog, bildete sich eine
Neigung zu ihrer Überführung ins Mehr⸗-als-menschliche, Ti⸗—
tanenhafte, und damit eine Kompositionsweise, die den Einzel—
körper in seinen Stellungs- und Bewegungswandlungen nur
noch als Inbegriff des unendlichen Formenreichtums und der
Formenpracht der Natur betrachtete und ihn darum nur noch
als Teil einer allgemeinen Formensymphonie, nicht mehr als
selbständiges Moment verwandte. Die Folgen der ersteren
Richtung zeigen sich schon in der monumentalen Ausführung
des „Symposions“ in der Berliner Nationalgalerie; hier ist der