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Bildende Kunst.
Mitte der achtziger Jahre erhob sich schon das Gestirn Böcklins
mit weithin wärmendem Strahle. Feuerbach aber hat schwer
gelitten unter dem Unglück, unverstanden zu bleiben bis zum
Tode. Denn er wußte seinen Wert zu schätzen, wenn nicht
zu überschätzen. Aber eben deshalb war doch wohl noch
unglücklicher als er ein Künstler, der nicht minder als Vor—
läufer der großen Idealisten gelten darf, und dem es gleich—
wohl nicht vergönnt war, in der eigenen Brust starke und stän—
dige Widerstandskraft zu finden gegen äußere Verkennung.
Hebbel hat einmal aus tiefster Kenntnis gewisser seelischer
Grundbedingungen seiner Zeit im Jahre 1847 geäußert, daß „in
der geistigen Sphäre hin und wieder an gewissen Punkten mit
Notwendigkeit ein Übergangsgeschöpf hervortreten müsse, das
der Idee nach einer höheren Gattung angehören muß, als es
durch seine noch mangelhaften Organe zu realisieren vermag“.
Und er hat gefragt, wie denn wohl ein solches Geschöpf dem
Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen entfliehen könne?
Das von Hebbel aufgeworfene Problem hat das Schicksal
von Hans von Marées (1837-1887) beherrscht!. Markées,
der schon in jungen Jahren in München als ein überaus be—
gabter Künstler galt, hat den ins Inhaltliche hinüberschweifenden
Idealismus Feuerbachs niemals ganz erkannt, geschweige denn
anerkannt. Vielmehr kam er schon in München der Auffassung
näher, daß die Kunst unter allen Umständen keine Symbolik
des Empfindens oder gar Erkennens sei, sondern daß ihre
einzige Aufgabe darin bestehen müsse, sichtbares Sein zu immer
klarerem und reicherem Ausdruck zu entwickeln. Durchaus deut⸗
lich wurde ihm diese Anschauung aber doch erst in Rom, wo
er seit 1864 weilte. Und keineswegs mit einem Male, wie eine
Intuition, brach sie über ihn herein. Jahrelang vielmehr,
während er anderen schon längst als ein untrüglicher, ganz in
sich fertiger Führer galt, hat er immer und immer wieder mit
sich gerungen, sich ihrer zunächst grundsätzlich zu bemächtigen.
wVgl. Fiedler, Schriften über Kunst S. 3609—462: Hans von Marées,
u. a. m. Außerdem sind handschriftliche Aufzeichnungen über den Mars6es—
schen Kreis von Arthur Volkmann benutzt.