Ueber die Frage der Gewinnbetheiligung der
Arbeiter.
Von Legationsrath Dr. Ernst v. Wiener in Wien.
Die Betheiligung der Arbeiter am Productionsgewinne wird mit Recht
als ein Mittel zur Herstellung des socialen Friedens bezeichnet, weil das Unbefriedigende
der heutigen Arbeiterverhältnisse hauptsächlich darin seinen Grund
hat, daß der Lohnarbeiter allmälig aufhört, irgend ein directes menschliches
Interesse an der ihn beschäftigenden Unternehmung zu haben. Er betrachtet
sich bloß als Empfänger eines mehr oder minder fixen Lohnes und sieht wie
die günstigen Erfolge des Unternehmens häufig ohne irgend welche Rückwirkung
auf seinen Lohnbezug bleiben, er strebt daher diesen seinen Lohn möglichst
hoch zu stellen oder wenigst möglich zu arbeiten, da ihm ja eine Theilnahme
am Werthe des Productes nicht zukommt und da er so kein weiteres
als das directe Moment des Lohnbezugs berücksichtigen zu brauchen glaubt.
Diese innerliche Loslösung des Arbeiters vom Interesse an der Unternehmung
ist aber ein wirtschaftliches, moralisches und sociales Uebel. Die wirthschaftlichen
Nachtheile liegen in den rücksichtslosen Arbeitseinstellungen, in der
Nachlässigkeit der Arbeit, Verschleuderung und schonungslosem Behandeln von
Rohmaterial, Gebäuden, Maschinen, Werkzeugen u. s. w., die sittlichen in
der Zerstörung der Liebe zur Arbeit und damit des Gefühles der Selbstzufriedenheit
als welches nach der Sicherung der materiellen Existenz die nächstwichtige
Compensatio» für die Mühe und Last der Arbeit bildet. Die sociale
Gefahr liegt in der zunehmenden Ausbildung und Verschärfung des Classengegensatzes
zwischen Arbeiter und Unternehmer.
Als das wünschenswerthe Ziel hat daher vielen socialen Reformern geschienen,
das ganze gegenwärtige Lohnverhältniß aufzuheben und an seine Stelle
die cooperative Form von Productivassociationen zu setzen, in welchen die
Zweitheilung der beiden Productionselemente aufgehoben wird, und der Arbeiter
als gleichzeitiger Unternehmer den vollen Ertrag seiner Production genießt.
Schriften VI. — Gdwinnbethetl. der Arbeiter. - 1