Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Pessimisten. 
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das Zölibat, sich nicht nur als unwirksam erweisen könne, sondern 
daß es große Gefahren in sich berge, da es gerade zu den Lastern, 
die er fürchtete, führen konnte. Ein langes, oder noch schlimmer 
ein immerdauerndes Zölibat ist allerdings kein den guten Sitten be 
sonders förderlicher Zustand. 
Malthus war daher von tiefer Sorge erfüllt, und er, den man 
soeben noch für einen starrköpfigen Asketen hätte halten können, 
zeigt sich jetzt als ein utilitarischer Moralist, ähnlich Bbntham. 
Da er die Handlungen, die eine Befriedigung des Geschlechtstriebes 
unter Umgehung der Empfängnis bezwecken, nicht verhindern kann, 
bescheidet er sich, ihr Bestehen gelten zu lassen, wenn er sie auch 
als Laster verurteilt. Bei der Wahl zwischen zwei Übeln erscheint 
ihm dieses geringer, als das, das sich aus der Übervölkerung er 
gibt * *), — um so mehr, sagt er, als die Übervölkerung an sich schon 
eine sehr große Ursache der Unmoralität ist, denn sie hat notwendiger 
weise Elend im Gefolge, erzeugt eine erzwungene Promiscuität der 
Geschlechter und ruft so die hierauf beruhenden Ausschweifungen 
hervor; ein Gedankengang, der übrigens durchaus richtig ist 2 ). Und 
des Beyölkenmgszuwaohses gehabt habe, würde voreilig sein; zuzugeben ist aber, 
daß sie im Verhältnis zu den anderen Hemmungen von nur geringer Bedeutung 
gewesen zu sein scheint“ (S. 150). 
„Ich habe gesagt, und ich halte es für absolut wahr, daß es unsere Pflicht ist, 
uns nicht eher zu verheiraten, als bis wir unsere Kinder ernähren können, und daß es 
gleicherweise unsere Pflicht ist, uns keinen lasterhaften Leidenschaften hinzugeben. 
Nirgends aber habe ich gesagt, daß ich nun erwartete, eine oder die andere dieser 
Pflichten, und noch weniger beide, genau erfüllt zu sehen. In diesem Palle wie in 
vielen anderen, ist es möglich, daß die Verletzung der einen die Einhaltung der 
anderen erleichtert . . . Aber der Moralist kann unter keinem Vorwand sich davon 
befreien, die Ausübung der einen und der anderen anzuraten. Das Übrige muß 
jedem einzelnen selbst überlassen werden“ (S. 600). 
*) „Ich würde untröstlich sein, irgend etwas, direkt oder indirekt, zu sagen, 
das in einem der Tugend entgegengesetzten Sinne ausgelegt werden kann. Ich 
glaube aber nicht, daß die Fehler, um die es sich handelt (welche? sie müßten ge 
nannt werden: Präventivverkehr? Onanismus? Prostitution? Malthus unterläßt es 
stets, sie genauer zu bezeichnen), in Fragen der Moral für sich allein angesehen werden 
dürfen, noch auch, daß sie die schwersten sind, die man sich vorstellen kann“ (S. 489). 
„Ich zögere keinen Augenblick zu behaupten, daß die Klugheit (es ist zu be 
merken, daß es sich hier nicht mehr um moral restraint, sondern um prudential 
restraint handelt), die von einer unbedachten Heirat abrät, ein einem vorzeitigen 
Tod vorzuziehendes Hindernis ist“ (S. 600). 
Damit sind wir weit von der 1. Ausgabe entfernt, in der er, strenger, als Prä 
ventivmittel keinen abwägenden Mittelweg zwischen „Keuschheit und Laster“ zugab. 
2 ) „Die schmutzige Armut ist unter allen Zuständen am wenigsten für die 
Keuschheit günstig ... Es gibt so tiefe Armut, daß ein in ihr geborenes Mädchen 
unrettbar der Prostitution verfällt, daß nur ein Wunder es davor bewahren kann“ 
(S. 493). Und an anderer Stelle; „Ich sage, daß die Verringerung der auf der Armut 
beruhenden Laster eine genügende Entschädigung für das Unheil, das man mit Recht 
voraussieht, sein wird“ (S. 5751. 
Gide und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 
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