Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

182 
Erstes Buch. Die Begründer. 
ebenfalls noch lange in der Geschichte der Doktrinen nachwirken. 
Welchen Grund führt er nun hierfür an? „Die natürliche Tendenz 
des Profits ist, geringer zu werden, weil mit dem Fortschritt der Ge 
sellschaft und des Wohlstandes die Vermehrung der notwendigen 
Lebensmittel eine ständig wachsende Arbeitsmenge erfordert.“ Es 
ist also die gleiche Ursache, die auch die Bodenrente bestimmt. Das 
System ist, wie man sieht, festgefügt. 
Wie beeinflußt aber diese Notwendigkeit, auf immer undank 
barere Felder zurückgreifen zu müssen, die Höhe des Profits? — 
Weil, wie wir gesehen haben, der Anteil, der dem Arbeitenden zu 
seiner Lebenshaltung überlassen werden muß, der notwendige Lohn, 
infolge der Erhöhung der Getreidepreise stetig steigt 1 ). Der Fabri 
kant kann aber die Lohnerhöhung nicht auf den Verbraucher ab 
wälzen, denn die Höhe des Lohnes bleibt ohne Einfluß auf den Preis 
(die Arbeit wohl, aber nicht der Lohn!), und folglich wird der Anteil 
des Kapitalisten um ebensoviel verringert. Erinnern wir uns daran, 
daß die Lohnerhöhung in Wirklichkeit kein Gewinn für den Arbeiter 
ist, da er deshalb keinen Bissen Brot mehr essen kann, was 
aber nicht verhindert, daß der Verlust für den Kapitalisten groß 
bleibt. 
Es muß sogar der Augenblick kommen, in dem der notwendige 
Lohn alles aufzehrt, und für den Profit nichts mehr übrig bleibt. 
Dann wird eine neue Ära in der Geschichte beginnen; denn, wenn 
alle Beweggründe zur Ansammlung von Kapitalien mit dem Ver 
schwinden des Kapitalprofits wegfallen, wird das Kapital nicht weiter 
wachsen, kein neues Land wird mehr unter Kultur genommen werden, 
und gleichzeitig wird die Bevölkerung die definitive und letzte Grenze 
erreicht haben 2 ). Der „stationäre Zustand“ wird eingetreten sein. 
Eine trübselige Aussicht! die aber später Stuart Mill in einer so 
beredten Sprache beschreiben sollte, daß man sich fast damit aus 
söhnen möchte. Doch befriedigte sie Kicardo nicht, der ein großer 
Finanzmann und keineswegs ein Philosoph war. Er fand seine eigenen 
Prophezeiungen höchst erschreckend, und in Wirklichkeit liegt auch 
eine merkwürdige Ironie in der Tatsache, daß das Gesetz des endlos 
*) Aber, wird man einwerfen, nur der nominelle Geldlobn, nicht der wirkliche 
Lohn steigt. Wird der Arbeiter mehr Getreide erhalten? — Nein, aber er wird 
ebensoviel erhalten, obgleich, infolge der Inangriffnahme der Bewirtschaftung 
schlechteren Bodens, der Getreideertrag sinkt. Ob daher der Pächter den Arbeiter 
in Getreide oder in Geld bezahlt, bleibt sieh für ihn, und den Kapitalisten im all 
gemeinen, gleich. 
2 ) „Sobald die Löhne die Gesamtsumme der Einnahmen des Pächters erreicht 
haben, kann keine Anhäufung von Kapital mehr stattflnden, da kein weiteres Kapital 
Zinsen abwerfen kann* eine weitere Vermehrung der Arbeit (lies: Arbeiter) ist daher 
unnötig, und die Bevölkerung hat ihr Maximum erreicht.“
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.