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Erstes Buch. Die Begründer.
ebenfalls noch lange in der Geschichte der Doktrinen nachwirken.
Welchen Grund führt er nun hierfür an? „Die natürliche Tendenz
des Profits ist, geringer zu werden, weil mit dem Fortschritt der Ge
sellschaft und des Wohlstandes die Vermehrung der notwendigen
Lebensmittel eine ständig wachsende Arbeitsmenge erfordert.“ Es
ist also die gleiche Ursache, die auch die Bodenrente bestimmt. Das
System ist, wie man sieht, festgefügt.
Wie beeinflußt aber diese Notwendigkeit, auf immer undank
barere Felder zurückgreifen zu müssen, die Höhe des Profits? —
Weil, wie wir gesehen haben, der Anteil, der dem Arbeitenden zu
seiner Lebenshaltung überlassen werden muß, der notwendige Lohn,
infolge der Erhöhung der Getreidepreise stetig steigt 1 ). Der Fabri
kant kann aber die Lohnerhöhung nicht auf den Verbraucher ab
wälzen, denn die Höhe des Lohnes bleibt ohne Einfluß auf den Preis
(die Arbeit wohl, aber nicht der Lohn!), und folglich wird der Anteil
des Kapitalisten um ebensoviel verringert. Erinnern wir uns daran,
daß die Lohnerhöhung in Wirklichkeit kein Gewinn für den Arbeiter
ist, da er deshalb keinen Bissen Brot mehr essen kann, was
aber nicht verhindert, daß der Verlust für den Kapitalisten groß
bleibt.
Es muß sogar der Augenblick kommen, in dem der notwendige
Lohn alles aufzehrt, und für den Profit nichts mehr übrig bleibt.
Dann wird eine neue Ära in der Geschichte beginnen; denn, wenn
alle Beweggründe zur Ansammlung von Kapitalien mit dem Ver
schwinden des Kapitalprofits wegfallen, wird das Kapital nicht weiter
wachsen, kein neues Land wird mehr unter Kultur genommen werden,
und gleichzeitig wird die Bevölkerung die definitive und letzte Grenze
erreicht haben 2 ). Der „stationäre Zustand“ wird eingetreten sein.
Eine trübselige Aussicht! die aber später Stuart Mill in einer so
beredten Sprache beschreiben sollte, daß man sich fast damit aus
söhnen möchte. Doch befriedigte sie Kicardo nicht, der ein großer
Finanzmann und keineswegs ein Philosoph war. Er fand seine eigenen
Prophezeiungen höchst erschreckend, und in Wirklichkeit liegt auch
eine merkwürdige Ironie in der Tatsache, daß das Gesetz des endlos
*) Aber, wird man einwerfen, nur der nominelle Geldlobn, nicht der wirkliche
Lohn steigt. Wird der Arbeiter mehr Getreide erhalten? — Nein, aber er wird
ebensoviel erhalten, obgleich, infolge der Inangriffnahme der Bewirtschaftung
schlechteren Bodens, der Getreideertrag sinkt. Ob daher der Pächter den Arbeiter
in Getreide oder in Geld bezahlt, bleibt sieh für ihn, und den Kapitalisten im all
gemeinen, gleich.
2 ) „Sobald die Löhne die Gesamtsumme der Einnahmen des Pächters erreicht
haben, kann keine Anhäufung von Kapital mehr stattflnden, da kein weiteres Kapital
Zinsen abwerfen kann* eine weitere Vermehrung der Arbeit (lies: Arbeiter) ist daher
unnötig, und die Bevölkerung hat ihr Maximum erreicht.“