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Zweites Buch. Die Gegner.
konnte sie verdunkeln. Aber anf ihrem Siegesläufe hatte sie viele
Veränderungen erlitten und war vielen Kritiken ausgesetzt gewesen.
Von ihren Anhängern (Say, Malthus und besonders Ricaedo) erhielt
sie bedeutungsvolle Erweiterungen und Verbesserungen. Zur gleichen
Zeit (mit Sismomdi und den Sozialisten) eröffneten sich neue Per
spektiven, die darauf abzielten, die ihr von ihrem Meister zu eng
gezogenen Grenzen zu sprengen und die Nationalökonomie nach neuen
Gesichtspunkten zu orientieren.
Nur einer der Grundgedanken der Lehre blieb bestehen, und
zwar nicht der wenigst bedeutende: das Prinzip der Handelsfreiheit.
Hier war der Triumph vollständig. Die Freiheit des internationalen
Handels wird als ein unbestreitbares Dogma von den Volkswirt
schaftlern aller Länder anerkannt. In Deutschland, wie in England,
in Frankreich wie in Rußland ist unter den wissenschaftlichen
Autoritäten die Übereinstimmung vollständig. Die Sozialisten lassen
diese Frage entweder beiseite oder, wenn sie sich mit ihr beschäf
tigen, stimmen sie mit den National Ökonomen überein 1 ). Einige
vereinzelte Schriftsteller machen zwar Vorbehalte oder erheben Ein
würfe, aber diese gelangen nicht zur Kenntnis des großen Publikums 2 ).
Allerdings bleiben die Regierungen und die Parlamente zum größten
Teil der Übertragung der neuen Ideen auf die Praxis feindlich ge-
1 ) Sismondi (Nouveaux Principes, Bd. IV, Kap. XI) bekämpft das Schutz
zollsystem , dem er vorwirft, die Überproduktion zu verursachen, und ebenso das
absurde Bestreben aller Nationen, sich selbst genügen zu wollen. Saint-Simon be
trachtet die Zollschranken als eine Folge des nationalen Hasses (CEuvres III, S. 36)
und lobt die Volkswirtschaftler, nachgewiesen zu haben, „daß ein jeder Mensch in
sozialer Beziehung sich einzig als Glied einer Gesellschaft von Arbeitern fühlen muß,
da das ganze Menschengeschlecht ein Ziel und gemeinsame Interessen hat“ (Lettres
ä un Americain, (Euvres, II, 186—187). Die Saint-Simonisten sind der Präge
nicht direkt näher getreten, doch ergibt es sich von selbst, daß Schutzzölle in der
von ihnen geträumten, allgemeinen Assoziation keinen Platz haben. Was Poukieb
betriht, so wird unter den Phalanges auf der ganzen Oberfläche der Erde im Güterumlauf
die größte Freiheit herrschen. (Vgl- Bouhgin: Fourier, S. 326—320, Paris 1906.)
2 ) Wir zitieren nur zwei davon: Augustin Couhnot und Louis Say, Nantes.
Der Erste hat in seinen Eecherohes sur les principes mathematiques
de la theorie des Kichesses (1838), einem heute berühmt gewordenen Werke,
das aber zur Zeit seines Erscheinens vollständig unbeachtet blieb, die Theorie des
Freihandels kritisiert. Dieser Teil seines Buches ist jedoch nicht der, der seine
spätere Berühmtheit verursacht hat. — Louis Say (1774—1840) war der Bruder
J. B. Say’s. Er hat verschiedene Werke herausgegeben, die in Vergessenheit geraten
sind, und in denen er mehrere der von seinem Bruder verteidigten Grundsätze
kritisiert, was dem Letzteren höchst mißfiel. Wir erwähnen hier nur sein letztes
1836 erschienenes Buch: Etudes sur la richesse des nations et refutation
des principales erreurs en economie politique, denn dieses ist das Buch,
das List erwähnt. Wahrscheinlich würde ohne List der Name Louis Say’s vergessen
worden sein. Eichblot, in seiner Übersetzung List’s (2. Ausg. 477), führt einige
der wichtigsten Stellen des Buches Louis Say’s an.