Kapitel I. Die Physiokraten.
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Gemeinwesen oder das innere Leben jedes Organismus beherrschen?
-In diesem Falle müßten die Physiokraten als Vorläufer der organi-
zistischen Soziologen angesehen werden. Man muß anerkennen, daß
diese Auslegung um so annehmbarer erscheint, als Dr. Quesnay durch
seine medizinischen Studien über die „tierische Ökonomie“ („L’economie
animale“ ist der Titel eines seiner Bücher) und über den Blutumlauf
sich wohl auf dem Wege dieser Richtung befunden haben mag; die
soziale Ökonomik, ebenso wie die tierische Ökonomie, hat ihm wie
eine Art Physiologie erscheinen können. Von „Physiologie“ bis
„Physiokratie“ ist es übrigens nicht weit. Sicherlich haben sie mit
großem Nachdruck die Abhängigkeit der Klassen untereinander, und
die Abhängigkeit aller von der Erde betont, und sicherlich heißt das,
aus der sozialen Wissenschaft eine Naturwissenschaft machen r ).
Jedoch erscheint uns auch diese Auslegung ungenügend. Es ist
bemerkenswert, daß in der von uns angeführten Anmerkung Dupont
dort, wo er von den Gesetzen der Ameisen und Bienen spricht, an-
nimmt, daß diese Tiere „sich denselben auf Grund gemeinsamer
Zustimmung und zu ihrem eigenen Nutzen unterwerfen“. Er scheint
daher anzunehmen, daß auch die tierischen Gemeinwesen auf einer
Art „Gesellschaftsvertrag“ beruhen! Auf jeden Fall sind wir hier
weit von einer Auffassung der Gesetzmäßigkeit entfernt, wie .sie den
Naturalisten, den Physikern und Biologen geläufig ist. Die Physio
kraten sind keineswegs Deterministen. Nicht nur glauben sie nicht,
daß die natürliche Ordnung sich wie das Gesetz der gegenseitigen
Anziehung von selbst durchsetzt, sondern sie glauben überhaupt
*) Dupont de Nemours sagt: „Die natürliche Ordnung ist die physische Ver
fassung, die Gott selbst dem Weltganzen gegeben hat“ (Einführung in die Werke
Qüesnay’s, S. 21). Und an einer anderen Stelle schreibt er, indem er den gleichen
Gedanken entwickelt: „Vor 13 Jahren kam ein äußerst genial begabter Mann, geschult
iu wissenschaftlichem Denken und durch seine Erfolge in einer Kunst, die als erste
Bedingung die Beobachtung und Achtung der Natur verlangt, schon bekannt, zu
dem Schlüsse, daß die Natur ihre physischen Gesetze nicht auf die bisher unter
suchten beschränkt, und daß, wenn sie den Ameisen, Bienen und Bibern die Fähig
keit gibt, sich auf Grund gemeinsamer Zustimmung und zu ihrem eigenen Nutzen
einer guten, gleichmäßigen und gleichförmigen Eegierungsform zu unterwerfen, sie
dem Menschen nicht die Gabe verweigern wird, sich zu dem Genuß gleicher Vorteile
aufzuschwingen. Begeistert von der Bedeutung dieser Anschauung und von den
folgenschweren Aussichten, die sie eröffnet, widmete er die ganze Schärfe seines
Verstandes der Untersuchung der physischen Gesetze im Zusammenhang mit
der Gesellschaft“ (I, S. 338).
Grade diese naturalistische Auffassung stellt Henri Denis in seiner Histoire
desDoctrines als besonders charakteristisch für das physiokratisohe System hin
und illustriert sie durch eine Keihe von Diagrammen, die die Übereinstimmung
zwischen dem Güterumlauf im physiokratischen Systeme und dem Blutumlauf be
weisen sollen.