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Zweites Buch. Die Gegner.
Güteraustausch Gerechtigkeit garantiert ist. wo freie Kontrakte zu
seiner Sicherstellung genügen, gibt es nur noch Gleichgestellte, von
denen ein jeder die gleichen Vorteile genießt. Die Quellen der Streitig
keiten verschwinden. „Sobald Kapital und Arbeit einmal identisch
geworden sind, besteht die Gesellschaft aus eigener Kraft und braucht
weiter keine Regierung.“ Das Regierungssystem ist mit dem wirt
schaftlichen System „verschmolzen“, in ihm „untergetaucht“. Das
ist die An-archie, die Nicht-Regierung 1 ).
So der Vorschlag Peoüdhon’s und seine Konsequenzen. Um seine
Tragweite zu verstehen, müssen wir uns fragen: 1. Ob der Ersatz der
auf Sicht gegen Bargeld zahlbaren Banknoten durch Tauschbons prak
tisch möglich ist; — und 2. in der Annahme, daß dieser Ersatz möglich
sei, würde er die Folgen haben, die sein Urheber davon erwartet?
1. Peoudhon stellt sein System als ein einfaches Mittel, den
Wechsel zu verallgemeinern, hin 2 ). Das ist richtig. Die Tausch
bare Bedingung des Menschengeschlechts ist, eine Bedingung, die zwischen Starken
und Schwachen die Einmischung einer zwingenden Gewalt nötig macht, um die
Kämpfe durch allgemeine Unterdrückung zu beenden“ (Voix du Peuple, 3. De
zember 1849. (Euvres, Bd. XIX, S. 23.) Doch „in einer fast ohne ihr Wissen
durch die Entwicklung des Wirtschaftslebens urageformten Gesellschaft gibt es
weder Starke noch Schwache, sondertynur Arbeitende, deren Fähigkeiten und Mittel
ständig das Bestreben zeigen, sich auf Grund der industriellen Solidarität und des
garantierten Umlaufs auszugleichen“ (ebenda, S. 18).
') „Wir sind daher, was wir schon mehr als einmal erklärt haben, Anar
chisten. Die Anarchie ist die Existenzbedingung erwachsener Gesellschaften,
wie die Hierarchie die primitiver Gesellschaften ist: in den menschlichen Gemein
wesen geht der Fortschritt unaufhörlich vor sich, und zwar von der Hierarchie zur
Anarchie“ (ebenda, S. 9). Und etwas weiter (in der Idee generale de la Re
volution, S. 196) bezeichnete er als Ziel der ßevolution „eine Verfassung des
Eigentums zu geben“ und „das politische oder Regierungssystem in der Wirtschafts
ordnung aufzulösen, zu versenken und zum Verschwinden zu bringen, indem eins
nach dem anderen der Kader im Räderwerk dieses großen Mechanismus, der Re
gierung oder Staat heißt, verringert, vereinfacht und dezentralisiert wird “
Peoudhon hat diesen Gedanken Saint-Simon entlehnt, was er in der Idee
generale de la Revolution (S. 136ff.) zugiht. Diese Auffassung einer in
dustriellen Gesellschaft, die die politische Regierung überflüssig macht, oder sie doch
auf ein Minimum beschränkt, ist selbst nur eine Entwicklung, oder wenn man will,
eine Vergröberung des wirtschaftlichen Liberalismus J.-B. Say’s. — Die Bestätigung,
daß er Anarchist ist, findet sich schon in dem Memoire sur la propriete
(1. Ausg. 8. 229). „Wer sind Sie denn? — Ich bin Anarchist. — Ah! Ich verstehe;
Sie wollen satirisch sein; das richtet sich gegen die Regierung! — Durchaus nicht!
Ich sage Ihnen damit mein Glaubensbekenntnis, das ich mir ernsthaft und reiflich
überlegt habe; wenn ich auch in jeder Weise ein Freund der Ordnung bin, so bin
ich doch in der vollen Bedeutung des Wortes Anarchist?' 1 ’
2 ) „Die ganze Frage des Umlaufs liegt in der Verallgemeinerung des Wechsels,
d. h. darin, ihn zu einem auf den Inhaber lautenden Wertpapier zu machen, das
beständig ausgetauscht werden kann und auf Sicht rückzahlbar ist, aber nur gegen
Waren oder Dienste“ (Organisation du credit, (Euvres, Bd. VI, S. 113—114)-