400
Drittes Buch. Der Liberalismus.
nahe dramatisch macht, ist, daß er das sehr klare Gefühl hatte,
zwischen zwei volkswirtschaftlichen Schulen wie zwischen zwei
Welten zu hangen, einer, die ihn mit dem starken Einfluß seiner Er
ziehung, durch die utilitaristische Philosophie, mit der er genährt
worden ist, festhält, und der zweiten, die ihn durch die neuen Horizonte
anzieht, die Saint-Simon und Auguste Comtb ihm eröffnen. In der
ersten Hälfte seines Lehens war er hauptsächlich Individualist; in
der zweiten mehr Sozialist, aber unter Hochhaltung seines Glaubens
an die Freiheit. Daher kommen die häufigen Widersprüche in seinen
Schriften und sogar seine radikalen Wandlungen, wie seine berühmte
Bekehrung inbezug auf das Lohngesetz. In seinem Werke erscheinen
die klassischen Doktrinen wie endgültig festgelegt, in so klaren
Formeln sind sie kristallisiert, und doch beginnen diese schönen
Kristalle bereits unter dem warmen Hauch einer neuen Zeit zu
schmelzen.
Er hat erklärt, wie es später die Theoretiker der reinen Ökonomie
taten, daß „die vergleichenden Wertungen des Ethikers in der
Nationalökonomie nichts zu schaffen haben“, aber er ist es auch, der
an einer anderen Stelle schreibt; „wenn man zwischen dem Kommu
nismus mit allen seinen Gefahren und dem gegenwärtigen Zustand
der Gesellschaft wählen müßte, in dem der Arbeitsertrag im um
gekehrten Verhältnis zur Mühe, die er kostet, verteilt wird, wo der
größte Teil denen zufällt, die nichts getan haben, ein etwas ge
ringerer Teil denen, die etwas mehr tun und in gleicher Weise
immer weiter in einer absteigenden Skala bis zu denen, für die die
zermalmendste Arbeit nicht einmal die Notwendigkeiten des Lebens
sicher stellen kann, — wenn es wirklich keine andere Alternative, als
diesen Zustand oder den Kommunismus gäbe, dann allerdings wögen
alle Schwierigkeiten des Kommunismus federleicht in der Wag
schale“ 1 ).
Er ist es, der in Dingen der Moral den Utilitarismus lehrt,
aber er ist es auch, der erklärt, daß „eine Überzeugung stärker ist
als neunundneunzig Interessen“!
Er ist es, der ausruft, daß „die Konkurrenz für die Gegenwart
eine Notwendigkeit ist, und daß niemand den Tag voraussehen kann,
an dem sie auf hören wird, für den Fortschritt unentbehrlich zu sein“,
aber er ist es auch, der behauptet, daß „die Kooperation das edelste
Ideal ist“ und der nachweist, „daß das menschliche Leben vom
Klassenkampf um antagonistische Interessen sich zum brüderlichen
Wettstreit im Streben nach dem Wohle aller erhebt“ 2 ).
*) Principles, B. II, Kap. 1, § 3.
2 ) Ebenda, B. IV, Kap. 7, § 6.