Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

der  literalen  Schule  treu  geblieben  sind,  für  endgültig  gehalten
werden.

§  1.  Die  großen  Gesetze.
Die  Existenz  natürlicher  Gesetze  war  stets  die  charakteristische
Behauptung  der  klassischen  Schule.  Dir  zufolge  sind  sie  das  Postulat,,
ohne  das  keine  Gesamtheit  von  Kenntnissen  auf  den  Namen  Wissenschaft ­
  Anspruch  erheben  kann.  Diese  Gesetze  haben  nicht  mehr
wie  bei  den  Physiokraten  und  Optimisten  jene  Charakterzüge  des
providentiellen,  normativen  und  teleologischen  ‘j;  sie  sind  ganz  einfach ­
  „natürlich“,  ganz  so  wie  die  physischen  Gesetze  und  folglich
amoralisch;  sie  können  nützlich  oder  schädlich  sein:  dem  Menschen
liegt  es  ob,  sich  ihnen,  so  gut  er  kann,  anzupassen.  Die  Nationalökonomie ­
  eine  „gefühllose  Wissenschaft“  zu  nennen,  weil  sie  nachweist,
daß  dieses  oder  jenes  Gesetz  unheilvolle  Folgen  für  den  Menschen
haben  kann,  ist  ebenso  absurd,  wie  die  Physik  zu  einer  gefühllosen
Wissenschaft  stempeln  zu  wollen,  weil  der  Blitz  tötet.
Diese  wirtschaftlichen  Gesetze  sind  keineswegs  mit  der  Freiheit
des  Individuums  unvereinbar;  im  Gegenteil,  sie  sind  ihr  Resultat.
Sie  stellen  weiter  nichts  als  Beziehungen  fest,  die  sich  von  selbst
zwischen  freien  Wesen  ergeben,  —  frei  jedoch  nur  unter  gewissen  Umständen: ­
  es  steht  uns  nicht  frei,  nicht  zu  essen,  und,  um  zu  essen,
müssen  wir  die  Erde  bewirtschaften.  Nicht  nur  bestimmen  wir
uns  gegenseitig  unsere  Lebenslage,  sondern  wir  unterliegen  auch
den  Hindernissen,  die  uns  unser  physisches  Milieu  schafft.
Diese  Gesetze  sind  allgemeingültig  und  ewig,  denn  die  elementaren ­
  Bedürfnisse  des  Menschen  sind  dieselben  in  allen  Ländern  und
;  in  allen  Jahrhunderten.  Und  nur  diese  Gesetze  suchen  die  Nationalökonomen, ­
  nicht  die  vorübergehenden  „modi“.  Nur  indem  die  Volkswirtschaft ­
  das  sucht,  was  ganz  allgemein  für  alle  Menschen  gilt
und  daher  allen  gemeinschaftlich  ist,  kann  sie  der  Wahrheit  näher
kommen,  —  kann  sie  eine  Wissenschaft  werden.  Sie  muß  sich  bemühen, ­
  nicht  die  Menschen  zu  sehen,  sondern  den  Menschen,  den
itypischen  Menschen,  den  homo  oeconomicus,  der  durch  die  Abstraktion ­
  von  allen  anderen  Seiten  seines  Charakters,  außer  der  des

*)  Die  natürlichen  Gesetze  waren  jedoch  schon  von  Dupont  de  Nemours  sehr
gut  und  in  dem  gleichen  Sinne,  wie  von  der  klassischen  Schule,  definiert  worden:
„Die  natürlichen  Gesetze  sind  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  gemäli  sich
alles  in  der  vom  Schöpfer  der  Natur  eingerichteten  Ordnung  vollzieht  .  .  .  Was  uns
anbelangt,  sind  es  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  die  Menschen  unterworfen
sind,  um  sich  alle  Vorteile,  die  die  natürliche  Ordnung  ihnen  gewähren  kann,  zu
verschaffen“  (Introduction  anx  (Euvres  de  Quesnay,  S.  21).
            
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