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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
prüft, ob die Kirche nicht Christum verraten habe, ob sie über ihrer
göttlichen Aufgabe die irdische, die sie ebenfalls zu erfüllen hat,
nicht mißverstanden habe; ob sie, wenn sie die Bitten des Vater
unsers wiederholt: „Dein Reich komme!“ und „Unser täglich Brot
gib uns heute!“ nicht aus dem Auge verloren habe, daß dies Reich
sich schon auf dieser Erde verwirklichen solle, und daß das tägliche
Brot, um das zu bitten ist, nicht nur das des Almosen, sondern der
Lohn der Arbeit sei!
Übrigens unterscheiden sich diese Lehren und diese Schulen sehr
bedeutend voneinander, und wir werden sehen, wie sie vom autoritärsten
Konservativismus bis zum revolutionärsten Anarchismus reichen. Nur
indem wir ihnen etwas Gewalt antun, ist es uns möglich, sie in den
Rahmen eines Kapitels zu bringen. Man kann jedoch gewisse positive
und vor allem gewisse negative Charakterzüge herausarbeiten, die
ihnen allen gemeinsam sind und sie zu einer einzigen Familie machen.
In negativer Hinsicht verwerfen alle diese Lehren den Libe
ralismus der klassischen Schule. Nicht, daß sie alle nun bereit
wären, die Hilfe des Staates anzurufen, da, wie wir sehen werden,
einige von ihnen antistaatlich sind. Nicht, daß sie die Existenz
einer natürlichen Ordnung leugnen, die sie gerade als Ausdruck
des Willens Gottes unter dem Namen der Vorsehung verehren. Aber
der freigeschaffene Mensch hat sich gegen diese Ordnung aufgelehnt,
— die Worte Sündenfall und Sünde bezeichnen diese Auflehnung —,
und jetzt ist er nicht mehr imstande, aus eigener Kraft den Weg zurück
zufinden. Daher ist die Annahme widersinnig, es genüge, den natür
lichen Menschen „gehen zu lassen“, so wie das laisser-faire es vor
schreibt, nämlich dem persönlichen Interesse freies Spiel zu ge
währen, damit dieses den Menschen zum Guten zurückführe und ihn
den Weg zum verlorenen Paradies wiederflnden lasse. Das gilt im
wirtschaftlichen Leben ebensogut wie im religiösen. Im Gegenteil,
die christlichen Schulen erklären, daß der natürliche Mensch, — das,
was im Neuen Testament der alte Adam genannt wird, — in uns ab
sterben müsse, um einem neuen Menschen Platz zu machen. Alle
göttlichen, moralischen und sozialen Kräfte müssen aufgerufen werden,
um ihm zu helfen, den Abhang wieder empor zu steigen, auf dem
ihn die Selbstsucht hinabgleiten läßt 1 ).
*) Die Christlich-Sozialen weisen darauf hin, daß auch dann, wenn man das
Dogma von der Schöpfung durch die Entwicklungstheorie, und Adam durch irgendeinen
Gorilla ersetzen wollte, ihre These dadurch nur stärker wird, denn dann würde es nur
um so notwendiger sein, den alten Menschen zu ertöten! „Wir leben nur“, schrieb
BRüNETifeHE, „von dem Siege, den wir täglich über das Verhängnis unseres Ursprungs
davon tragen müssen“ (Eevue des deux Mondes, 1. Mai, 1895).
In einem 1894 erschienenen englischen Buche, das einen riesigen Erfolg hatte,