Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

geht,  nach  dem  Ausdruck  eines  großen  zeitgenössischen  Nationalökonomen, ­
  so  weit,  „daß  sie  (die  Bodenrente)  nicht  mehr  als  eine
Einzeltatsache,  sondern  als  die  Hanptspezies  eines  sehr  verbreiteten
Genus  erscheint“  1 ).  Auf  der  anderen  Seite  (und  diese  zweite  Entwicklung ­
  ist  vielleicht  noch  merkwürdiger  als  die  erste)  sehen  die
modernen  Theoretiker  in  ihr  nur  eine  normale  Folge  des  regelmäßigen ­
  Verlaufs  der  Wertgesetze,  während  bei  Eicaedo  die  Bodenrente ­
  als  eine  wirtschaftliche  Anomalie  erscheint,  die  auf  bestimmten ­
  Umständen  beruht  (ungleicher  Fruchtbarkeit  der  Felder
und  dem  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages).  Daher  fjigen  sich
die  Bodenrente  und  andere  gleichartige  Eenten  in  die  allgemeine
Preistheorie  ein,  und  die  von  den  Klassikern  so  mühsam  aufgebaute
Theorie  der  Eente  verflüchtigt  sich  sozusagen,  und  wird  überflüssig.
Nachdem  sie  während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  eine  so  große
Eolle  gespielt  hat,  wird  sie  vielleicht  in  wenigen  Jahren  nur  noch  eine
historische  Merkwürdigkeit  sein.
Diese  doppelte  Entwicklung  der  Lehre  beruht  auf  der  gleichzeitigen ­
  Tätigkeit  einer  großen  Anzahl  von  Forschern.  Es  ist  schwierig,
einen  regelmäßigen  Fortschritt  von  einem  zum  anderen  aufzuzeigen.
Wir  werden  daher  die  Entwicklung  an  und  für  sich  darstellen  und
uns  darauf  beschränken,  die  Namen  der  Gelehrten,  die  dazu  bei  getragen ­
  haben,  an  entsprechender  Stelle  anzuführen.  Wir  werden
uns  aber  so  viel  wie  möglich  auf  ihre  Texte  stützen *  2 ).
a)  Zunächst,  sagten  wir,  hat  man  sehr  bald  neben  dem  Einkommen
der  Grundbesitzer  eine  Eeihe  anderer  differentieller,  ihm  ganz  gleicher
Einkommen  bemerkt.  Dieselbe  Menge,  oder  wie  die  Engländer  sagen,
dieselbe  „Dosis“  an  Kapital  und  Arbeit,  die  auf  verschiedenen  Feldern
sich  betätigt,  bringt  verschiedene  Einkünfte  ein.  Eicaedo  sah  die
Ursache  dafür  in  einer  dem  Boden  allein  eigentümlichen  Erscheinung: ­
  dem  sinkenden  Ertrage  und  der  ungleichen  Fruchtbarkeit
der  Felder,  wie  auch  ihrer  ungleichen  Entfernung  vom  Markte.  Die
Landwirtschaft  ist  nun  durchaus  nicht  der  einzige  Bereich,  in  dem
man  eine  ungleiche  Produktivität  des  Kapitals  und  der  Arbeit  feststellen ­
  kann.
Zunächst  befinden  sich  die  Bergwerke,  die  Salinen  und  die

‘)  Marshall,  Principles,  Vorwort  der  1.  Ausg.
2 )  Man  findet  gute  Darstellungen  der  Entwicklung,  die  wir  hier  kurz  darstellen,
in  einem  schon  älteren  Werk:  Versuch  einer  kritischen  Dogmengeschichte ­
  der  Grundrente,  von  Eduard  Bebens  (Leipzig  1868,  399  Seiten),
besonders  aber  in  La  theorie  de  la  rente  et  son  extension  recente  von
Paul  Früzculs  (Montpellier  1908,  318  Seiten)  und  in  den  sehr  interessanten  Aufsätzen ­
  von  Schumpeter:  Das  Eentenprinzip  in  der  Verteilungslehre,  die
in  Schmollbr’s  Jahrbuch  1907,  S.  31  und  591  erschienen  sind.
            
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