Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Solidarisier 
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drückt so auch der geringsten unter ihnen einen ernsten, fast maje 
stätischen Charakter auf, der eine hohe moralische Erziehung be 
günstigt. Sie gibt uns auf, Seelen zu hüten. Und ebenso, wie wir 
auf Grund des vorhergehenden das Recht verloren haben, zu sagen: 
„das geht mich nichts an“, so müssen wir jetzt einen anderen, nicht 
weniger hassenswerten Ausspruch verbannen: „das geht nur mich an.“ 
Daher schwächt die Solidarität nicht, wie man ihr vorwirft, unser 
Verantwortlichkeitsgefühl, sondern erweitert es im Gegenteil ins 
Unendliche. 
3. Wahr ist allerdings, daß in umgekehrter Wirkung die Soli 
darität uns nachsichtiger gegenüber den Fehlern anderer macht, indem 
sie uns zeigt, daß wir sehr oft unbewußte Mithelfer gewesen sind; 
doch liegt hierin ebenfalls moralisch etwas Gutes, da wir uns infolge 
dessen gezwungen sehen, nachsichtiger gegen andere, und strenger 
gegen uns selbst zu sein. 
Wenn es vom Gesichtspunkt der soziologischen Entwicklung aus 
wahr ist, daß viele alte Formen der Solidarität sich auflösen, so 
bilden sich doch unablässig neue. Man kann sogar eher feststellen, 
daß die Kreise der Solidarität: Familie, Stadt, Vaterland, Menschheit 
sich ohne Unterlaß vergrößern, und daß sich gerade aus dieser Ver 
größerung eine doppelte und glückliche Folgeerscheinung ergibt: der 
korporative Egoismus veredelt sich, indem er sich bis zu der Grenze 
ausdehnt, wo er alle Menschen umfassen wird, und die feindlichen 
Zusammenstöße antagonistischer Solidaritäten werden immer seltener. 
Was die Unabhängigkeit anbelangt, so ist dieses alte Argument schon 
im Kampfe gegen die Arbeitsteilung fadenscheinig geworden. Der 
Grad der Unabhängigkeit ist keineswegs der Maßstab, mit dem man 
den Grad der Persönlichkeit messen kann: ganz im Gegenteil! Der 
Wilde, der auf seinem Baume sitzt, ist uqpMängig; vielleicht ist es 
auch der Held Ibseris, der sich gegen die Gesellschaft auflehnt, 
während der König auf dem Thron, der nur im Pluralis majestaticus 
sprechen kann, höchst abhängig ist: der erste ist aber gerade auf 
Grund seiner Unabhängigkeit ganz ohnmächtig, während der zweite 
gerade infolge seiner Abhängigkeit sehr mächtig ist. Daher ver 
mindert die Solidarität die Individualität in Nichts — nicht, wenn 
sie natürlich ist, und noch weniger, wenn sie auf freier Überein 
stimmung beruht, wie die, auf Grund derer die Soldaten sich um die 
Fahne scharen oder der Führer in den Alpen sich an das Seil bindet, 
das ihn vielleicht in den Abgrund reißt. Wenn es wahr ist, daß die 
Kristallisation, wie vor kurzem gesagt wurde, die erste Bemühung 
des Wesens war. sich von seiner Umgebung unabhängig zu machen, 
so muß man wohl bedenken, daß hierin auch die erste Verwirklichung 
einer wahren Solidarität unter der Form der Assoziation lag.
	        
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