Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

703

sprechen,  und  mehrere,  wie  z.  B.  Keopotkin  und  Recltjs,  zeichnen
sich  durch  hohen  Adel  des  Geistes  und  des  Charakters  aus.
Die  Ideen  Bakünin’s  haben  sich  in  dem  gleichen  intellektuellen
Milieu  wie  die  Stienbr’s  gebildet x ).  Bakunin  gehörte  einer  adligen
russischen  Familie  an  und  wurde  Offizier.  1834,  20  Jahre  alt,  reichte
er  seinen  Abschied  ein  und  widmete  sich  dem  Studium  der  Philosophie. ­
  Wie  Stibnee,  Pboüdhon  und  Marx  unterlag  auch  er
dem  damals  allgemein  herrschenden  Einfluß  Hegel’s.  1840  begab
er  sich  nach  Berlin,  wo  er  sich  vier  Jahre  hindurch  an  der  geistigen
Bewegung  der  jungen  Radikalen,  von  der  wir  oben  gesprochen  haben,
beteiligte.  Von  1844  bis  1847  finden  wir  ihn  in  Paris,  wo  er  oft
ganze  Nächte  in  Diskussionen  mit  Peoudhon  zubringt.  Der  Einfluß
dieses  letzteren  auf  Bakunin  ist  sehr  tief  gewesen.  In  den  Schriften
des  russischen  Anarchisten  könnte  man  oft  nachweisen,  daß  er  nur  die
Ideen  Peoudhon’s  entwickelt,  die  dieser  in  irgend  einem  seiner  Werke
ausgeführt  hatte,  wie  z.  B.  die  Allgemeine  Idee  der  Revolution ­
  im  19.  Jahrhundert.  Das  Jahr  1848  zeigte  diesem  großen
Herrn,  der  sich  bis  dahin  nur  als  Dilettant  betätigt  hatte,  seinen
wirklichen  Beruf,  den  des  Revolutionärs.  Nacheinander  nimmt  er
an  der  Erhebung  in  Prag  und  an  der  sächsischen  Revolution  in
Dresden  teil.  Verhaftet  und  zweimal  zum  Tode  verurteilt,  in  Sachsen
und  in  Österreich,  wird  er  an  Rußland  ausgeliefert  und  in  der  Peter-Paulsfestung
  eingekerkert,  in  der  er  infolge  Skorbut  fast  alle  seine
Zähne  verliert.  Seit  1857  nach  Sibirien  verbannt,  gelingt  es  ihm,
1861  zu  flüchten;  er  begibt  sich  nach  London,  von  wo  aus  er  eine
unermüdliche  revolutionäre  Propaganda  in  der  Schweiz,  in  Italien
und  auch  in  Frankreich  führt.  Während  des  Krieges  1870/71  versucht ­
  er,  in  Lyon  einen  Volksaufstand  zu  erregen.  Beenaed  Lazaee
beschreibt  ihn  uns  als  „einen  behaarten  Riesen,  mit  gewaltigem
Kopf,  der  durch  ein  Gestrüpp  von  Haaren  und  einen  ungepflegten
Bart  noch  größer  erscheint“,  der  sich  gestiefelt  und  gespornt  zu  Bette

l )  Über  Bakunin,  vgl.  seine  Biographie,  die  von  seinem  Freunde  James  Guillaüme
dem  2.  Bande  seiner  Werke  vorangestellt  worden  ist,  wie  auch  die,  die  Dhagomanoep
  Michael  Baknnin’s  sozial-politischem  Briefwechsel  mit
Herzen  und  Ogajoff  (Stuttgart,  1895),  vorausschickt.  Eine  ausführliche  Biographie, ­
  die  aber  unveröffentlicht  geblieben  ist,  wurde  von  Nettlau  geschrieben.
Wie  es  scheint,  befindet  sich  eine  Abschrift  in  der  Bibliotheque  nationale.  (Vgl.  den
Aufsatz  von  Lagahdelle  über  Bakunin  in  der  Revue  politique  et  parlamentaire
  von  1909.)  Die  Werke  Bakunin’s  sind  in  französischer  Sprache  ((Bu  vre  s
de  Bakounine  (in  fünf  Bänden,  der  erste  1895,  die  anderen  1907,  1908,  1909  und
1912  in  Paris,  im  Verlag  von  Stock  erschienen.  —  Gewisse  Schriften,  darunter  die
Statuts  de  l’Alliance  internationale  de  la  democratie  socialiste  sind
in  dieser  Ausgabe  nicht  enthalten;  wir  entlehnen  den  Text  den  Anhängen,  die  sich
am  Ende  des  oben  erwähnten  Briefwechsels  von  Deagomanoit  befinden.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.