Schlußwort.
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ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Wissenschaft einen
Bund mit einer besonderen Lehre, dem Liberalismus, geschlossen.
Dieser Bund wurde ihr verderblich. Mit dem Tage, an dem der Ver
dacht aufsteigen konnte, als ob die wissenschaftlichen Theorien nichts
anderes seien als Plaidoyers von Klassenadvokaten zugunsten einer
besonderen Politik, büßten sie einen großen Teil ihres Ansehens ein.
Doch diese Erfahrung ist nicht verloren gegangen und nichts wäre
für die Entwicklung unserer Wissenschaft gefährlicher, als sie von
neuem unter die Botmäßigkeit irgendeiner Schule zu stellen. Wohl
kann die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik eine kostbare Stütze
liefern, indem sie ihr gestattet, die wahrscheinlichen Ergebnisse dieser
oder jener Maßnahme vorauszusehen, und man muß hoffen, daß ihre
Voraussagen, die heute noch allzuoft recht unsicher sind, in Zukunft
immer genauer werden. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, der Wirt
schaftspolitik Ideal oder Ziel zu weisen.
Geben wir uns daher nicht der Hoffnung hin, eines Tages die
großen Meinungsströmungen verschwinden zu sehen, die sich heute
Liberalismus, Sozialismus, Solidarismus, Syndikalismus und sogar An
archismus nennen. Vielleicht werden sie in der Zukunft andere
Namen tragen. Unter der einen oder der anderen Form jedoch werden
sie neben einander bestehen bleiben, weil sie tiefwurzelnden mensch
lichen Seelentrieben oder dauernden Gruppeninteressen entsprechen,
die abwechselnd die Oberhand gewinnen.
Soll man das bedauern? Nach unserer Ansicht nicht. Die Einheit
des Glaubens erscheint uns ein trügerisches Ideal, und vom rein
praktischen Gesichtspunkte aus stehen wir auf der Seite derer, die
gerade im Interesse der Ziele, die ihnen am Herzen liegen, nicht
wünschen können, eines Tages diese Ziele streitlos und allein das
Feld behaupten zu sehen.
Zusammenfassend dürfen wir wohl sagen; Wachsende Einheit
und Mitarbeit auf dem Boden der Wissenschaft dank der Vervoll
kommnung der Methoden.
Auf der anderen Seite: Mannigfaltigkeit und sogar Kampf auf
dem Boden des praktischen Lebens zwischen den verschiedenen wirt
schaftlichen Idealen, die weiter untereinander um die Vorherrschaft
streiten.
Dies wird zweifellos das Bild der künftigen Ökonomik sein.
So ist denn der Eindruck, der sich aus einer Geschichte der
Doktrinen löst, vielleicht etwas trübe, oder doch zum wenigsten dazu
angetan, uns mit dem Gefühl einer gewissen Demut zu erfüllen. So
viele Lehren, die man für endgültig nachgewiesen hielt, verblassen,
und so viele andere, die man tot glaubte, leben wieder auf. Die
aber, die verblassend dahinsterben, sterben und verschwinden nie