Lamine Senghor. 115
Gemeininteresse die Bevölkerung zur Verfügung. Um dieses Dekret an-
zuwenden, setzt der Gouverneurleutnant von Mauritanien die Arbeitsbe-
dingungen fest. In dem Artikel 3 sagt er: „Die Dauer des Arbeitstages
wird auf zehn Stunden mit zwei Stunden Arbeitsruhe während des Tages fest-
gelegt.‘“ In Artikel 9 bestimmt er: „Der tägliche Minimallohn jedes Arbeiters
wird wie folgt bestimmt: Frauen und Kinder 1,50 Franken, Erwachsene
2 Franken pro Tag.‘ Man darf sich nicht weigern, für diesen Lohn zu ar-
beiten. Man muß also gezwungenermaßen zehn Stunden täglich unter der
brennenden Sonne Afrikas arbeiten und kann nur 2 Franken verdienen. Die
Frauen und die Kinder arbeiten gleich lange wie die Männer, und mit alle-
dem sagt man uns, daß die Sklaverei abgeschafft sei, daß die Neger frei
seien, daß eine Gleichheit aller Menschen bestände usw. Ich betrachte die-
jenigen, die uns das sagen, nicht als Idioten, sondern als Leute, die sich über
uns lustig machen.
Sklaverei. Auch hier sagt man uns, daß sie aufgehoben sei, und man
könnte fast annehmen, daß der Verkauf von Sklaven verboten ist, daß man
nicht mehr Neger an einen Weißen, Chinesen oder sogar einen andern Neger
verkaufen kann. Aber wir sehen, daß die Imperialisten sich sehr demo-
kratisch das Recht vorbehalten, ein ganzes Negervolk einem anderen Impe-
rialisten zu verkaufen.
Was machte Frankreich mit dem Kongo im Jahre 1912? Es hat ihn
einfach Deutschland übergeben. Hat es die Kongoneger gefragt, ob sie durch
die Deutschen ausgebeutet werden wollen?
Gewisse französische Politiker sind sogar soweit gegangen, in den fran-
zösischen Mistblättern zu schreiben, daß die Neger der Antillen anfangen,
zuviel Rechte zu verlangen, und daß man besser täte, sie den Amerikanern
zu verkaufen; man würde dann wenigstens einen Profit daraus ziehen. ;
Es ist nicht wahr, die Sklaverei ist nicht aufgehoben. Im Gegenteil, man
hat sie modernisiert.
Die Ungerechtigkeit ist noch schlagender in Frankreich. Wir haben
gesehen, daß man während des Krieges soviel Neger wie möglich
rekrutiert hat, um sie als Kanonenfutter zu verwenden. Man’ hat‘ vor
ihnen soviel rekrutiert, daß die französischen Gouverneure sich weigerten,
die Rekrutierung fortzusetzen, weil sie Angst hatten, daß das Volk sich er-
heben würde. Aber da man um jeden Preis rekrutieren mnßte, so ist man auf
die Suche eines besonderen Negers gegangen, und man ha: ihn .mit Ehren ve-
deckt, indem man ihn zum Generalkommissar und Vertreter der französi-
schen. Republik in Afrika ernannt hat. Man ließ ihn durch französische
Offiziere und dekorierte Neger überall hin begleiten. Er ließ sich in sein
ehemaliges Vaterland ausschiffen, und die Vertreter Frankreichs, Admini-
stratoren, Gouverneure der Kolonien, mit Musik an der Spitze und Soldaten,
die die Waffen präsentierten, empfingen ihn dort. Der so geehrte Neger