1. Das Wesen der wirtschaftlichen Konkurrenz.
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Natur nach der öffentliche Laushalt von früh an entwickeln mußte, das leistet für das
private Wirtschaftsleben erst die kapitalistische Anternehmung: die Entwersung eines
Gesamtplans für eine längere Periode der Wirtschaftsführung; diese aber findet in der
doppelten Buchführung — die doch nun einmal repräsentativ für jede wissenschaftliche
Buchführung steht — ihren adäquaten Ausdruck.
Was aber des weiteren gerade die doppelte Buchführung für die kapitalistische
Unternehmung so verwendbar macht, ist dies: daß in ihr die Loslösung des Sach
vermögens von der Person des Geschäftsleiters zur Grundtatsache des Wirtschaftens
und damit zur Basis der gesamten Wirtschaftsführung erklärt wird. Auch dieser
Gedanke ist wohl ursprünglich für den öffentlichen Laushalt konzipiert worden, wird
aber nun zur Seele der kapitalistischen Unternehmung. Das Kapital wird personifiziert.
Es tritt dem Unternehmer selbständig gegenüber: eine Auffassung, die Lorenz von
Stein bis zu der Konsequenz durchdachte, daß er die Möglichkeit annahm: ein Unter
nehmen könne durch seinen eigenen Lerrn — den Unternehmer — betrogen werden.
Damit wird nun aber auch die Systematik der Geschäftsführung von den
Zufälligkeiten und Willkürlichkeiten des individuellen Geschäftsleiters, an die sie während
der handwerksmäßigen Periode gebunden ist, emanzipiert. Die moderne Buchführung
ist so eingerichtet, daß sie nach inneren wissenschaftlichen Regeln, unabhängig von dem
Belieben und Können des einzelnen Wirtschaftssubjetts, dem Laufe des Wirtschafts
lebens ganz bestimmte, objettive Normen setzt. So mystisch es klingen mag, ist es
doch richtig und hat nach dem Gesagten nichts Mystisches mehr an sich, daß mit
der modernen Buchhaltung das Kapital sich seine eigenen Bewegungsgesetze vor
gezeichnet hat.
VIII. Der Wettbewerb im Handel, besonders
im Kleinhandel.
1. Das Wesen der wirtschaftlichen Konkurrenz.
Von Gustav Schmoller.
Schmoller, Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. 2. Teil. i.—s. Aufl.
Leipzig, Duncker & Burnblot, $04. S. 43—46.
Was verstehen wir unter Konkurrenz, unter Wettbewerb? Concurrere heißt
zusammen-, nebeneinander herlaufen. Wir denken dabei jedenfalls an einen gesellschaft
lichen Vorgang, an dem mehrere beteiligt sind. Sie konkurrieren, wenn sie ein
gemeinsames Ziel erreichen wollen; sie streben nach einem und demselben; sie wissen, daß
sie einen Wettlauf unternehmen, daß das Ziel von ihnen je nach ihren Kräften, ihrer
Anstrengung früher oder später, besser oder schlechter, ganz oder halb oder gar nicht
erreicht wird. Wir sprechen von Konkurrenz im allgemeinen überall da, wo Macht
erfolge, Ehre, Vorteile, wirtschaftliche Güter nicht in unbegrenzter Menge vorhanden
sind, wo die Beschränktheit des Erstrebten den Wettbewerb, ja den Kampf der Menschen
oder der menschlichen Gemeinschaften erzeugt. Am das, was jeder ohne weiteres im
Äberfluß haben kann, wird nicht konkurriert. Das Ziel der Konkurrenz ist immer ein
solches, daß nur einer oder eine bestimmte Zahl es erreicht, oft so, daß, wenn es sich
um eine Mehrzahl von Siegern handelt, sie in eine Reihe geordnet werden; häufig