Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, ©‘ 101
wirtschaftlichen und wissenschaftlich-objektiven Argumente gegen den Irrwahn der
Reparationen laut und deutlich auf den Verhandlungstisch zu legen und können
dann in Ruhe das weitere abwarten. Denn wir könnten, sofern die wissenschaft-
liche Argumentation zutrifft, die aufreizende Präambel hinzufügen: „Jeder Tag Ver-
zögerung läßt uns noch nachträglich den Krieg wirtschaftlich gewinnen!“
Es bedarf nach unserer Auffassung zur Niederschlagung des Reparationsplans
mithin einer immer erneuten internationalen Debatte. Daß der Gedanke der Strei-
chung bereits gedacht wurde, ist bekannt, wie beispielsweise folgende Ausführung
des bekannten Nationalökonomen Irving Fisher von der Yale-Universität in den
Vereinigten Staaten zeigt1): „Das große Problem der Gegenwart ist Friede, Laßt
uns Frieden haben. Wenn eine vollkommene Streichung der Kriegsschulden zum
Frieden führt, so laßt uns die Kriegsschulden streichen. Wenn Senator Borahs Vor-
schlag, für die Kriegsschulden die deutschen Reparationszahlungen zu streichen, in
entsprechender Form von den Alliierten angenommen würde, so laßt uns diese
Gelegenheit ergreifen, um dieses Problem endlich seiner endgültigen Erledigung zu-
zuführen, denn die Zeit ist gekommen, um die Welt von diesem Albdruck zu be-
freien, welcher, wenn er bestehen bleibt, leicht die Ursache größerer internationaler
Verwicklungen werden könnte als jene, welche den Weltkrieg heraufbeschworen
haben.“
Neben obigem Hauptgrundsatz einer deutschen Reparationspolitik, darauf zu
adrängen, die für uns, die Entente und die Neutralen schädliche Zwangswirtschaft
durch Streichung der Reparationen aufzuheben, sind weitere politische Gesichts-
punkte zu beachten, welche Teilfragen betreffen.
1. Die Stimmen im Inland, welche aus Furcht — man könnte fast sagen aus
„Platzfurcht“ — vor der Devisenaufbringung die Sachlieferungsform propagieren,
müssen verstummen, Sachlieferungen. sind abzulehnen wegen ihrer doppelten welt-
wirtschaftlichen Gefährlichkeit, die wiederum für die übrige Welt schädlicher ist als
für uns.
2, Die deutsche Regierung ist zu schärfstem Widerstand gegen Sachlieferungs-
anforderungen für privatwirtschaftlich unrentable Anlagen in Frankreich, Belgien und
deren Kolonien nicht nur berechtigt, sondern weltwirtschaftlich verpflichtet. Sie
müßte dagegen geradezu vor dem Forum des Völkerbundes „Anzeige erstatten‘,
8. Im kulturellen Interesse Deutschlands ist vorzuziehen, daß das Eigentum und
die Betriebe der öffentlichen Hand „überfremdet‘‘ werden und die privaten Unter-
nehmungen von „Fremdherrschaft‘“ möglichst freibleiben. Dieses Interesse deckt sich
mit den Bedürfnissen des Weltverkehrs nach Übersehbarkeit der Qualität
des Schuldners. Während selbst relativ kleine Kommunen geeignet sind, als
international übersehbare Schuldneradresse aufzutreten, sofern die in Frage kom-
menden Summen nicht zu klein sind, sind vielfach private Unternehmungen wegen
ihres relativ kleinen Kapitalbedarfs kein. geeignetes Objekt internationaler Finanzie-
rung, selbst wenn sie in ihrem deutschen Umkreis und innerhalb. ihrer Branche als
mittlere bis große Firmen gelten. Für sie kommt Finanzierung durch eine inter-
nationale Trust-Company in Betracht, sodaß sich für sie das Auslandskapital etwas
teuerer stellt als für Kommunen, welche als direkte „Aufgabe‘‘ auftreten können.
4. Eine Aufhebung des Währungsschutzes bei der Transferierung ist unmöglich,
weil der internationalen Devisenspekulation zugunsten der deutschen Währung da-
durch der sichere Boden unter den Füßen weggezogen werden würde, .
5. Man mache es dem Vertragsgegner bequem und rentabel, sein Geld, das bei
1) Irving Fisher, Kriegsschuldenstreichung ? Industrie- und Handelszeitung v. 13. 3. 28.