Wertmaßstäbe der Konsumtion.
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§ 4
sionen des produzierenden Großbetriebs. Aber daneben mögen auch nationalpsychologische
Eigenschaften der Konsumenten mitwirken. Sehr weit scheint die Uniformität
der Konsumtion in Ländern englischer Kultur zu gehen, wo die Wohnungen,
z. B. in Australien, in Bau und Einrichtung oft straßenweise nahezu identisch sein
sollen. Auch die bekannte Uniformität von Regiezigarren ist eine Funktion des
Großbetriebs. Nur ein Spezialfall dieser Art ist die uniformierende Wirkung des
Großbetriebs im letzten Stadium der Produktion vor der Genußreife, nach populärem
Sprachgebrauch die gemeinsame Konsumtion: gleiches Menü für Alle an der
Table d’hote, kollektiver Genuß von Kunst, Wissenschaft, Gesellschaftsreisen,
plurale Eisenbahn- und Omnibusfahrt. Alle solche Großbetriebskonsumtion ist,
weil weniger wahlfrei als die individuelle, und darum oft ihr Genußziel verfehlend,
einerseits Verschwendung, aber andererseits kommt sie billiger. Ein weiterer Fortschritt
auf dieser Bahn problematischer Verbilligdng und Uniformierung wäre die
Auflösung der heutigen Reste eigenwirtschaftlicher Haushaltung durch Zentralküchen,
Zentralwaschanstalten, Zentralheizung usw. Das Extrem wäre die kommunistische
Konsumtion in Massenhaushalten, mit großer Ersparnis an Kosten,
aber auch an Befriedigung.
Vorläufig aber bleibt der Konsumtionswahl immerhin noch Spielraum, für
die große Masse freilich nur in engen Grenzen. Selbst die Befriedigung des Existenzbedarfs
läßt gewisse individuelle Modifikationen zu. Es ist die Frage, ob der Konsument
auch nur diese beengte Freiheit heute schon richtig zu gebrauchen versteht;
aber er soll es lernen. In welcher Richtung sich die freie Wahl der Ausgaben bewegt,
kann freilich nur mit einigen dürftigen Strichen angedeutet werden.
Brentano 1 ) hat unlängst den Versuch gemacht, die Bedürfnisse nach ihrer
Rangfolge summarisch zu gruppieren. Auf die Befriedigung der baren Lebensnotdurft
(Nahrung, Kleidung, Wohnung, Ausruhe) und (auf höherer Kulturstufe
erst in zweiter Linie) des Geschlechtsbedürfnisses, das wir wohl mit dem Bedürfnis
des Unterhalts einer Familie auch nach dem Dringlichkeitsgrade kombinieren müssen,
läßt er das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Ausgleichung 2 ) folgen, das
sich mit jenen elementaren Bedürfnissen paart und das Mindestmaß der erforderlichen
„Lebenshaltung“ bestimmt. Erst jenseits des Schwerpunkts dieser Bedürfnisse,
die einen geschlossenen Komplex zu bilden scheinen, läßt Brentano für die
Masse der Menschen das Bedürfnis der Fürsorge für ihr Wohlbefinden in der Zeit
nach ihrem Tode folgen; anfechtbar, wenn er mit diesem rationalistisch umetikettierten
Bedürfnis die Religion gleichsetzt. Für viele steht sie mit an vorderster
Stelle, wie für einige die Vaterlandsliebe, oder wenigstens das Bedürfnis, einer geachteten
Nation anzugehören. Die Rangordnung der folgenden Bedürfnisse gibt Brentano
nur mit Vorbehalt: Erheiterung, Heilung, Reinlichkeit, Bildung in Wissenschaft
und Kunst, Schaffensbedürfnis, und darüber hinaus die Mehrzahl der altruistischen
Bedürfnisse, mit einzelnen Ausnahmen wie Mutterliebe, die an früherer
Stelle rangiert.
Wo sollen wir in dieser Rangliste die freien Ausgaben suchen? Wir werden noch
zu erwähnen haben, daß am Familienbedürfnis heute durch freiwillige Beschränkung
der Kinderzahl gespart wird; es rückt damit schließlich in die Reihe der freien Bedürfnisse
herab. Von den andern Posten wird besonders der der „Erheiterung“ ins
Auge fallen. Allein dieser so frei anmutende Begriff umfaßt doch wohl auch die
schwer lastenden Zwangsausgaben für standesgemäße Geselligkeit, und die für Einhaltung
der landesüblichen Trinksitten 3 ).
*) S. 12 f.
2 ) Mit Einschluß des Bedürfnisses nach Freiheit und Herrschaft.
3 ) Ein Beispiel: „Nirgendwo herrschen so lästige Trinksitten wie in Australasien, in den
Städten, wie im Innern, namentlich in den Goldbezirken. Zu welcher Tageszeit es auch sein
mag, ob es sich um einen Besuch handelt oder um einen Geschäftsabschluß, stets wird der
Fremde aufgefordert: let us have a drink, und selbstverständlich hat er sich dann in gleicher
Weise zu revanchieren, so daß es nichts Seltenes ist, daß ein Kaufmann mit einem großen