Full text : Die Konsumtion

134  I.  Buch  B  III:  K.  O  I  d  e  n  b  e  r  gj,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  6

von  32,6  Mk.;  außerdem  aber  für  Zigarren  und  Tabak  30,3  Mk.,  Trinken  im  Wirtshaus ­
  65,4  Mk.,  Bier  zu  Hause  40,1  Mk.,  Branntwein  7,8  Mk.,  zusammen  177  Mk.,
gegenüber  359  Mk.  für  Wohnung,  Heizung,  Beleuchtung  ').  Offenbar  ist  bei  so
engen  Verhältnissen  die  Gefahr  nicht  zu  unterschätzen,  daß  die  Ausgaben  für  entbehrliche ­
  Zwecke,  auch  wenn  ihr  absoluter  Betrag  sehr  bescheiden  ist,  doch  den
Spielraum  für  das  Existenzminimum  bedenklich  schmälern.
Es  ist  ein  Mangel  dieser  Tabellen,  daß  sie  die  Größe  der  Familie  nicht
berücksichtigen.  Denn  eine  Familie  mit  4  Kindern  und  2000  Mark  Einkommen
wird  ungefähr  auf  derselben  Wohlhabenheitsstufe  stehen,  wie  ein  kinderloses  Ehepaar ­
  mit  1000  Mark.  Es  müßten  daher  die  Ausgaben  nicht  nur  auf  die  Kopfzahl
der  Konsumenten  bezogen,  sondern  es  müßte  auch  die  Kopfzahl  dabei  umgerechnet
werden,  um  die  verschiedene  natürliche  Bedürftigkeit  der  Konsumenten  nach  Alter
und  Geschlecht  zu  berücksichtigen.  Nimmt  man  das  Konsumtionsbedürfnis  des
erwachsenen  Mannes  mit  der  Kopfzahl  1  an,  so  wäre  die  Bedürftigkeit  des  Kindes
je  nach  dem  Alter  mit  einem  Bruchteil  von  1  anzusetzen,  und  entsprechend  die  der
Frau,  des  Greises,  der  Greisin.  Auf  diese  korrigierte  Kopfzahl  wären  die  Ausgaben
zu  beziehen.
Die  Notwendigkeit  einer  solchen  Umrechnung  ist  längst  empfunden  worden,
und  mehrere  Autoren,  die  Familienbudgets  bearbeiteten,  haben  schon  vor  Jahrzehnten ­
  mit  rohen  Umrechnungsmaßstäben  operiert.  Aber  erst  Ernst  Engel  hat
1891  und  1895  auf  Grund  von  anthropometrischen  Zahlen  des  alten  belgischen
Statistikers  Quetelet  einen  leidlich  rationellen  Umrechnungsmaßstab  für  Kinder
jeden  Alters  konstruiert,  dessen  Einheit  er  zu  Ehren  Quetelets  und  nach  Analogie
der  elektrischen  Maßbezeichnungen  ein  „Quet“  nannte.  Das  Quet  ist  das  Erfordernis ­
  des  neugeborenen  Kindes  an  Nahrung  und  andern  Gütern;  mit  jedem  Lebensjahre ­
  steigt  das  Erfordernis  um  1 / 10  Quet;  beim  Manne  erreicht  es  den  Beharrungszustand ­
  mit  25  Jahren,  also  3 1 /,  Quets,  bei  der  Frau  mit  20  Jahren,  also  3  Quets.  Andere,
etwas  summarischere  Reduktionsfaktoren  hat  eine  dänische  Erhebung  von  1897,
die  nordamerikanische  von  1903  (beide  auf  naturwissenschaftlicher  Grundlage)  und
die  deutsche  von  1907  angewandt.  Die  deutsche  will  neben  der  Nahrung  die  andern
Ausgabeposten  wenigstens  schätzungsweise  mehr  zur  Geltung  bringen  2 )  und  stuft
darum  die  Sätze  mehr  ab,  setzt  also  für  die  jüngsten  Kinder  eine  relativ  noch  kleinere
Ausgabe  an  3 ).  Die  meiste  Anerkennung  haben  trotzdem  Engels  Quets  gefunden,
zumal  sie  zwischen  der  dänischen  und  amerikanischen  Rechnung  Mittelwerte  bilden,
und  drei  Gegenrechnungen  von  Kuzmäny 4  5 ),  Stephan  Bauer 6 )  und  E.
Günther 6 )  ihre  annähernde  Richtigkeit  bestätigt  haben.  Diese  Bestätigung  ist
aber  von  zweifelhaftem  Werte,  weil  nur  die  Nahrung  berechnet  ist,  während  die  Quets
zugleich  auch  für  andere  Bedürfnisse  Geltung  beanspruchen 7 ).
Eine  Abgrenzung  der  Wohlhabenheitsstufen  selbst  unter  Berücksichtigung
dieser  Reduktionsfaktoren  (Einkommen  der  Familie,  dividiert  durch  Quets)  ist
leider  bisher  selten  versucht 8 ),  ja  nicht  einmal  gefordert  worden 9 ).  Wohl  aber
hat  man  innerhalb  der  nach  dem  Familieneinkommen  mechanisch  gebildeten  Wohlstandsklassen ­
  die  Ausgaben  auf  Quets  usw.  bezogen,  um  sie  vergleichbar  zu  machen.

0  Vgl.  Pohle,  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1906,  S.  104t.||
2 )  Die  amerikanische  Erhebung  sah  von  ihnen  sogar  gänzlich  ab.
3 )  Vgl.  auch  Ritzraann,  Maßstab  zum  Vergleich  der  Wirtschaftsrechnungen  von
Familien,  im  Archiv  für  sociale  Hygiene  1911.
*)  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  3.  Folge,  Bd.  29  (1905),  S.  794  f.
5 )  Basler  volkswirtschaftliche  Arbeiten  N.  2  (1911),  S.  VIII  f.
6 )  Schmollers  Jahrbuch  1912,  S.  1963  f.
’)  Vgl.  Schiff,  S.  102.
8 )  So  in  der  dänischen  Publikation.
“)  S  c  h  i  f  f,  der  Leiter  einer  noch  nicht  publizierten  österreichischen  Erhebung,  stellt
jetzt  (1913)  a.  a.  O.  S.  96  f.  diese  von  mir  schon  früher  vertretene  Forderung.  Er  verbessert
das  Erhebungs-  und  Verarbeitungsverfahren  auch  sonst.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.