Full text : Die Konsumtion

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

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sehen  Arbeiters x )  diesen  außerdem  das  Optimum  körperlicher  Leistungsfähigkeit
niemals  erreichen  lasse.  „Zu  einem  idealen  Gesundheitszustand  gehört  eine  kräftig
entwickelte  Muskulatur.  Auch  der  reichste  Mann  kann  sich  diese  nicht  erkaufen,
er  muß  sie  sich  selbst  erarbeiten.“  So  kommt  Rubner  zu  dem  Schlüsse *  2 ):
„An  und  für  sich  werden  sich  die  Menschen,  nach  ihrer  Arbeitsfähigkeit  und  Arbeitsübung ­
  betrachtet,  so  einteilen,  daß  das  Landvolk  den  besseren  Stamm  darstellt  und
die  Städter  den  minderwertigeren.“  Mit  der  fortschreitenden  Erleichterung  städtischer ­
  Muskelarbeit  durch  elementare  Kraft  muß  dieser  Unterschied  sich  immer
schärfer  akzentuieren  und  die  städtische  Ernährung  immer  anspruchsvoller  werden,
obwohl  gleichzeitig  der  Ernährungszustand  sich  verschlechtert.
6.  Die  Konsequenz  dieser  Entdeckung  müßte  das  Eingeständnis  sein,  daß  das
früher  erwähnte  Kostmaß  der  Voitschen  Schule  nicht  für  den  mittleren  Arbeiter
von  70  kg  schlechthin,  sondern  höchstens  für  den  städtischen  Arbeiter  Geltung
haben  könne.  Wir  finden  dieses  Anerkenntnis  in  ziemlich  deutlicher  Form  bei
Voits  Schüler  Rubner  schon  1908  3 )  und  noch  mehr  1913  4 ).  In  seiner  Schrift
des  letzteren  Jahres  hebt  Rubner  sogar  hervor,  daß  Voit  speziell  Münchener  Konsumgewohnheiten ­
  mit  zugrunde  gelegt  habe,  und  daß  der  Münchener  auch  für  städtische ­
  Verhältnisse  schon  damals  ungewöhnlich  viel  Fleisch  aß.  Ja  Rubner
fügt  hinzu  5 ),  daß  Voits  Zahlen  nur  als  Norm  für  Massenkost  ganzer  sozialer  Gruppen
gemeint  seien,  also  in  ihrer  Eiweißnorm  von  118  g  für  alle  Fälle  eine  Risikoprämie
enthalten,  1.  für  den  verschiedenen  Nährgehalt  gleichbenannter  Speisen,  2.  für  das
dauernd  individuell  verschiedene  Nahrungsbedürfnis,  3.  für  das  zeitweilig  erhöhte
Nahrungsbedürfnis  z.  B.  von  Personen,  die  gerade  Durchfall  gehabt  haben,  und  überhaupt ­
  für  die  wechselnde  Ergiebigkeit  von  Resorption  und  Verdauung.  Das  generell
vorzuschreibende  Kostmaß  soll  auch  für  den  ungünstigsten  Einzelfall  zureichen
und  muß  darum  viel  höher  gegriffen  werden,  als  für  den  Durchschnitt  der  Konsumentengruppe ­
  nötig  wäre,  und  als  dem  tatsächlichen  Durchschnittskonsum  bei
individuell  gerade  zureichender  Ernährung  entspricht.
7.  Diese  Aufklärungen  standen  im  Zusammenhang  mit  langwierigen  Debatten
in  physiologischen  Kreisen  über  das  „Eiweißminimum“  in  der  täglichen
Kost  des  Konsumenten,  ausgehend  von  den  erwähnten  häufigen  Ausnahmefällen,
in  denen  man  weniger  als  die  geforderten  118  g  Eiweiß  fand.  Neuerdings  haben
einzelne  Neuerer  unter  den  Physiologen  durch  ihre  Beobachtungen  über  die  Bekömmlichkeit ­
  eiweißarmer  Nahrung  Aufsehen  erregt,  so  der  Amerikaner  dritte ­
  n  d  e  n  ,  dem  ein  wohlhabender  Landsmann  zu  Versuchszwecken  größere  Geldmittel ­
  zur  Verfügung  gestellt  hatte,  und  ein  dänischer  Arzt  PI  i  n  d  h  e  d  e,  der,
selbst  von  klein  auf  an  fleischarme  ländliche  Kost  gewöhnt,  zuerst  1905  in  Dänemark ­
  durch  seine  Theorie  Aufsehen  machte,  daß  die  Milchkuh  mit  weit  weniger
Eiweiß  auskommen  könne,  als  man  auf  Grund  der  Kellnerschen  Norm  glaubte,  und
der  dann  mit  gleicher  Energie  und  Beredsamkeit  an  die  Propaganda  für  Enteiweißung
der  menschlichen  Kost  ging 6 )  und  jetzt  an  der  Universität  Kopenhagen  ein  gut  ausgestattetes ­
  „Laboratorium  für  Ernährungsuntersuchungen“  leitet 7 ).  Auch  viele
Aerzte  erklären  heute  ein  sehr  kleines  Eiweißminimum  für  ausreichend  und  hygienisch ­
  vorteilhaft.
In  der  Tat  hatten  die  Physiologen  der  alten  Schule  erst  langsam  begonnen,
die  Physiologie  des  Eiweißverbrauchs  eingehender  zu  erforschen.  Rubner  hat
r)  Selbstverständlich  ist  ländliche  und  städtische  oder  industrielle  Arbeit  nicht  ausnahmslos ­
  mit  schwerer  und  leichter  Arbeit  zu  identifizieren.
2 )  S.  58.  3 )  S.  70.
4 )  S.  35—37,  39,  41.
5 )  1908,  S.  5,  37—40.  1913,  S.  86.
')  Hindhede,  Eine  Reform  unserer  Ernährung.  Nach  der  3.  Auflage  aus  dem  Dänischen ­
  übersetzt.  Leipzig  1908,  K-  F.  Köhler.
r )  Letzte  Publikation:  Studien  über  Eiweißminimum.  Skandinavisches  Archiv  für  Physiologie ­
  1913,  S.  97  f.

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