Moderne Wandlungen der Konsumtion.
149
der Eiweißbedarf z. B. schon vermindert werden, wenn Jemand dauernd statt Brot
hauptsächlich Kartoffeln oder Reis genießen wollte, oder wenn wir in gleicher Weise
statt des Fleisches nur Milch oder Käse einführen wollten“ *). Das theoretische Eiweißminimum
läge danach etwa zwischen 30 und 102 g; aber die praktische Eiweißnorm,
die auch allen Wechselfällen Rechnung trägt, soll weit oberhalb des Minimums
liegen; wie weit, will Rubner nicht entscheiden 2 ). Cohnheim 3 ) schlägt
90—100 g vor, also weniger als Voit (118 g). Die Normziffer könnte natürlich niedriger
sein, wenn es gelänge, durch eine zweckmäßig zusammengesetzte Kost zu
einem niedrigen Eiweißminimum zu kommen. „Die Möglichkeit einer anderen
Regelung der Kost, wie sie Chittenden z. B. angeführt hat, kann nur allmählich zum
Durchbruch kommen; wir werden also zum mindesten alle Ursache haben, einer
Steigung des Eiweißverbrauchs über die oben angegebene Grenze (118 g) hinaus in
keiner Weise das Wort zu reden“ 4 ).
8. Was wird nun aus jenem Ueberschuß an Eiweiß, den der Erwachsene über
das Minimum hinaus seinem Körper zuführen soll? Er dient nicht zum Muskelersatz
usw., sondern bleibt zeitweilig im Körper, bis er nach Auslösung seines Kalorienwerts
aus ihm verschwindet 5 ). Voit nannte ihn „zirkulierendes Eiweiß“,
und erkannte ihm eine große Bedeutung für die Energie und Kraftfülle des Konsumenten
zu 6 ). Sein Schüler Rubner nennt ihn „Uebergangs“- oder „Vorratseiweiß“
7 ), hat über seine Existenzweise im Körper eine andere Vorstellung als Voit,
und sieht seine hohe Bedeutung eben in einer Kompensation der erwähnten zufälligen
Defizits im Eiweißhaushalte des Körpers. Ohne diesen Reservevorrat müsse
jede zufällige Unterschreitung des Minimum zu gefährlichen Zellverlusten führen,
die erst langsam durch verstärkte Eiweißzufuhr wieder ausgeglichen werden können,
und zwar bei Leuten mit schwacher Muskeltätigkeit außerordentlich langsam 8 );
der schwer arbeitende Landmann kann demnach, wenn Rubner Recht hat, die Eiweißreserve
eher entbehren als der Städter, weil, „wie es scheint, das arbeitende
Organ mit kleinen Nahrungsüberschüssen auskommt, wo das ruhende zu wenig erhält“
9 ); dadurch wird also das Konto des städtischen Eiweißbedürfnisses belastet.
Und er sieht die physiologische Nebenwirkung dieses Reserveeiweiß nicht lediglich
als günstig an: indem es die Körpertemperatur bedeutend erhöht, steigert es zwar
im kühlen Klima und bei schwacher Muskeltätigkeit das Gefühl körperlichen Behagens,
wird aber bei höherer Luftwärme und intensiver Muskelarbeit unbequem,
auch weil es zum Schwitzen zwingt; „nichts kann ungünstiger für eine gute Arbeitsleistung
sein, als eine übertrieben hohe Zufuhr von Eiweiß“ 10 ). Auch unter diesem
Gesichtspunkte erscheint der Organismus des weniger muskeltätigen Städters benachteiligt.
Noch ungünstiger beurteilt Cohnheim 11 ) die Wirkung reichlicher Eiweißnahrung.
9. Indes der Kostwechsel in der Stadt, von dem unsere Erörterung ausging, ist
aus diesen zwei Gesichtspunkten offenbar noch nicht genügend erklärt: relativ eiweißreiche,
wenig voluminöse Kost und Mehrbedarf an Eiweißreserve infolge schwacher
Muskelarbeit. Zum Beispiel der Uebergang zum Brot aus immer feinerem
Mehl hat ja mit dem kleineren Energiebedarf des Städters nichts zu tun, und der
ausnutzbare Eiweißgehalt des feinsten Weizenmehls ist kleiner als der der gleichen
Quantität des gröbsten, der des Brots aus feinstem Mehl kleiner als der einer gleichen
Gewichtsmenge Kleiebrot. Aber die bessere Ausnutzung des feinen Mehls in der
i) S. 86. 2 ) Ebendort.
3 ) S. 448. 4 ) Rubner 1908, S. 42.
5 ) Ueber verschiedene Meinungen über den Verbleib des überschüssig genossenen Eiweiß
vgl. Hermann, Lehrbuch der Physiologie, 11. Auf). 1896, S. 232f.
6 ) So in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie, mathematisch-physikalische
Klasse, 1869, S. 495 und 525 f.
7 ) Z. B. 1913, S. 72.
8 ) 1908, S. 118, 127.
10 ) S. 76 f.
s ) 1913, S. 75.
“) S. 443 f.