148 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.
§ 7
sich erst jüngst beklagt x ): „Die Erfahrungen, die ich seinerzeit in den Jahren 1877
bis 1879 und später gelegentlich meiner Ausnützungsversuche am Menschen über
den Eiweißbedarf der Erwachsenen gemacht hatte, sind mehr als ein Jahrzehnt
unbeachtet geblieben, obwohl sie für die Frage des Eiweißminimums wichtige Anhalts
punkte gegeben hätten.“ Ebenso hat der Eiweißforscher A. K o s s e 1, eine Au
torität auf dem Gebiete der Eiweißchemie, schon 1901 nachdrücklich darauf hinge
wiesen i) 2 ), daß die verschiedenen Arten des Eiweiß den Organismus unter sehr ver
schiedene Bedingungen stellen, und daß eine physiologische Verwertung der Ergeb
nisse der Eiweißchemie aus den vorangehenden 12 Jahren „kaum noch angebahnt
ist“. Er hätte hinzufügen können, daß ein Physiologe wie Förster (1882) 3 )
eine physiologische Bedeutung der chemischen Eiweißunterschiede geradezu in Ab
rede gestellt hatte. R u b n e r hat neuerdings nicht nur die weiten individuellen
Unterschiede 4 ) im Eiweißbedürfnis hervorgehoben, die gewöhnlich übersehen worden
seien, sondern auch die durch allgemeine Umstände bedingten Unterschiede 5 * ). Daß
es trotzdem theoretisch ein absolutes physiologisches Eiweißminimum gebe, ohne
dessen Deckung der Mensch zugrunde gehe, habe er zuerst nachgewiesen 8 ). Dieses
Minimum gibt er 1903 7 ) auf etwas weniger als 42—47 g, 1908 8 ) auf 31,4 g, 1913 9 )
etwa 30 g an, während „heutige Vertreter niederer Stickstoffzufuhr von 8—-10 g bis
50 und 60 g Eiweiß verlangen“ 10 * ), nach seiner Meinung ganz willkürlich. Für prak
tische Zwecke sei aber das absolute Minimum unbrauchbar; vielmehr müsse auf die
Zusammensetzung der Nahrung Rücksicht genommen werden n ). Und zwar ist
nach seinen letzten Angaben das Eiweißbedürfnis befriedigt, d. h. eine Verkümme
rung des Protoplasma der Körperzellen verhütet durch 102 g Eiweiß im Mais oder
76 g im Brot oder 54 g in Erbsen oder 38 g in Kartoffeln oder 34 g in Reis oder 30 g
in Fleisch, wenn dieses nicht in der üblichen irrationellen Form eines einzelnen Fleisch
gerichts aufgenommen wird I2 ). „Für denjenigen Menschen, welcher keine wesent
liche Arbeit u. dgl. leistet, gelingt es überhaupt nicht, ausreichend Eiweiß mit ei
weißarmen Vegetabilien zuzuführen“ 13 ).
Bei einer Zusammensetzung der Nahrung, wie Voit sie nach seinen großstäd
tischen Beobachtungen zugrunde legte (Brot, etwas Kartoffeln, Gemüse, Milch,
Fleisch), mit schmackhaftem Wechsel der Speisen, bekömmlich und leicht verdaulich,
und bei gebührender Anrechnung der früher erwähnten Risikoprämien sieht Rub-
ner trotzdem in der Eiweißnorm von 100—120 g für einen kräftigen Arbeiter und
etwa 100 g für leichter arbeitende Personen „kein solches Eiweißübermaß, daß es
nötig wäre, an Korrekturen und Reduktionen zu denken“ 14 ). Dagegen „würde
i) 1908, S. 17.
a ) Ueber den gegenwärtigen Stand der Eiweißchemie, in den Berichten der Deutschen
Chemischen Gesellschaft 1901, Nr. 13, S. 3214 f.
3 ) Handbuch der Hygiene, herausgegeben von Pettenkofer und Ziemssen, 1. Teil, 1. Ab
teilung, S. 35.
4 ) 1908, S. 22, 62. Rubner beklagt, daß die meisten Ernährungsangaben nicht einmal
das Körpergewicht verzeichnen, ganz abgesehen von andern individuellen Eigenschaften des
Konsumenten, die nach seinen Experimenten relevant sind.
5 ) S. 27: anscheinend sparsamere Verwertung des zugeführten Eiweiß im Organismus
bei Eiweißmangel und zugleich knapper Eiweißzufuhr.
«) 1913, S. 38. 7 ) Lehrbuch, S. 466.
8 ) S. 17. 9 ) S. 71.
10 ) S. 73. Hindhede fordert (1913) bei einer Gesamtnahrung von 3000 Kalorien
18—21 g Reineiweiß.
u ) Er denkt dabei, abgesehen von dem verschiedenen Nährwert der verschiedenen Ei
weißstoffe (1908, S. 13. 1913, S. 38), teils an die ungleiche Mischung der drei Grundstoffe in
den Nahrungsmitteln, teils an die mehr oder weniger vorteilhafte Verteilung des Eiweiß in
ihnen. „Von ganz besonderer Wichtigkeit erscheint die Beobachtung, daß bei Zufuhr stei
gender Mengen derselben vegetabilischen Nahrungsmittel die Gesamteiweißzersetzung nicht
ansteigt“ (Lehrbuch 1903, S. 465 f.).
12 ) 1913, S. 71.
Lehrbuch 1903, S. 467.
u ) 1913, S. 85.