Full text : Die Konsumtion

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§  2  Der  Begriff.
Auch  die  sog.  „technische  Konsumtion“ 1 )  von  Materialien  in  einem
Fabrikationsprozesse  ist  nicht  Konsumtion;  durch  sie  wird  zwar  ein  Gut  planmäßig  und
zweckmäßig  verbraucht,  aber  eine  Bedarfsbefriedigung  nicht  ausgelöst,  sondern  erst
vorbereitet.  Wenn  die  Kohle  ein  Wohnzimmer  heizt,  befriedigt  sie  den  Wärmebedarf ­
  seines  Bewohners;  wenn  sie  einen  Dampfkessel  heizt,  hilft  sie  nur  ein  Gut
herstellen,  das  Objekt  der  Konsumtion  werden  kann.  Zur  technischen  Quasi-Konsumtion ­
  gehört  ebenso  wie  das  Heizmaterial  des  Dampfkessels  auch  das  Futter  von
Arbeitstieren,  aber  nicht  der  Unterhalt  von  Lohnarbeitern,  auch  wenn  er  in  natura
gewährt  wird;  der  Begriff  der  Konsumtion,  wie  wir  ihn  fassen,  steht  und  fällt  mit  dem
Menschtum  des  Konsumenten;  alle  Wirtschaft  wird  nur  nach  ihrer  Wirkung  auf  den
Menschen  beurteilt.
Allerdings,  auch  über  den  Unterhalt  der  Lohnarbeiter  hinaus  ist  ein  großer
Teil  der  Konsumtion  „reproduktiv“,  nach  Says  etwas  zu  engem  Ausdruck;  er  erhält ­
  oder  verbessert  die  Gesundheit  des  Konsumenten  und  seine  wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit,  oder  er  baut  die  werdende  Arbeitskraft  des  jungen  Geschlechts
auf.  Er  ist  also  nicht  nur  Selbstzweck,  sondern  zugleich  erster  Akt  einer  künftigen ­
  Produktion,  ist  eigentlich  technische  Konsumtion.  Aber  ob  der  Konsument
seine  mit  neuer  Energie  versorgten  Muskeln  produktiv  betätigen  wird,  ist  ungewiß,
und  darum  hat  es  etwas  für  sich,  den  gordischen  Knoten  zu  durchhauen  und  den  Konsumenten ­
  als  Endstation  und  als  bloßen  Selbstzweck  zu  fingieren.
Eine  eigentümliche  Abart  ist  die  Konsumtion  konsumierter  Güter,  die  N  a  c  hk
  o  n  s  u  m  t  i  o  n.  Sie  spielt  eine  nicht  geringe  Rolle  bei  Gebrauchsgütern.  Wenn
jüngere  Geschwister  die  abgelegten  Kleider  der  aus  ihnen  herausgewachsenen  älteren
Geschwister  tragen,  so  ist  das  noch  keine  Nachkonsumtion,  sondern  Weiterkonsumtion, ­
  wie  wenn  ein  Wohnhaus  von  einem  Benutzer  auf  den  andern  vererbt  wird.
Wohl  aber  findet  die  Nachkonsumtion  abgelegter,  verbrauchter  Kleider  sowohl
durch  Vermittlung  der  Wohltätigkeit  wie  des  Althandels  weiteste  Verbreitung.
Nach  einer  neueren  Petersburger  Ausgabenstatistik  tragen  in  Arbeiterkreisen  45%
der  alleinwohnenden,  71%  der  verheirateten  Personen  abgelegte  Kleider,  trotz  der
Furcht  vor  Uebertragung  ansteckender  Krankheiten  2 ).  Im  16.  Jahrhundert  kamen
Schiffsladungen  mit  alten  Hüten  und  Schuhen  aus  England  über  den  Kanal  und
machten  den  französischen  Gewerbetreibenden  empfindliche  Konkurrenz  3 ).  Aber
trotz  einer  gewissen  Verstärkung  des  Angebots,  die  der  Althandel  dem  Einfluß  der
kurzlebigen  Mode  verdankt,  scheint  heute  die  Nachkonsumtion  in  merklichem  Rückgänge ­
  begriffen,  sei  es  infolge  veränderter  Ansprüche  der  bisherigen  Nachkonsumenten, ­
  oder  infolge  der  geringeren  Dauerhaftigkeit  moderner  Gebrauchsgüter.
Wenn  auf  einem  Spezialgebiete,  in  der  Bücherkonsumtion,  der  Althandel  neuerdings ­
  sogar  eine  bedeutende  Ausdehnung  erreicht  hat,  so  liegt  hier  wieder  nicht  eigentlich ­
  Nachkonsumtion  verbrauchter  Ware  vor,  sondern  Weiterkonsumtion.  Dagegen
sind  allerdings  die  moderne  Sitte  des  Kleiderabonnements  und  ähnliche  Erscheinungen
auf  dem  Gebiete  des  Möbelhandels,  des  Zahnersatzes  usw.  geeignet,  der  Nachkonsumtion ­
  Vorschub  zu  leisten.  Eine  scharfe  Grenze  zwischen  Nach-  und  Weiterkonsumtion ­
  gibt  es  freilich  nicht.
Ein  gröbliches  Mißverständnis  liegt  einem  ältern  Sprachgebrauch  zugrunde,
der  die  Zubereitung  der  Speisen  und  überhaupt  die  wirtschaftliche  Tätigkeit ­
  der  Hausfrau  als  Sphäre  der  Konsumtion  dem  verkehrswirtschaftlichen ­
  Produktionsprozeß  entgegensetzt.  Die  Tätigkeit  der  Hausfrau  stellt  vielmehr ­
  das  letzte  oder  vorletzte  Stadium  der  Produktion  vieler  Waren  vor.  Der
Unterschied  ist  nur  der  von  verkehrswirtschaftlicher  Warenproduktion  für  den  Verkauf ­
  und  eigenwirtschaftlicher  Güterproduktion  für  den  Hausbedarf.  Wäre  die
*)  Nach  Say:  „reproduktive  Konsumtion“;  nach  Cherbuliez:  „wirtschaftliche
Konsumtion“.
2 )  Archiv  für  Sozialwissenschaft  30,  66  f.
3 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  1902,  II  327.
A
            
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