Full text : Die Konsumtion

108

I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Die  Konsumtion.

eigenwirtschaftliche  Tätigkeit  nicht  Produktion,  so  würde  ja  in  einem  aus  eigenwirtschaftlichen ­
  Bauern  bestehenden  Volke  die  Produktion  überhaupt  fehlen.  Verständlich ­
  wird  diese  Begriffsverschiebung  nur,  wenn  man  vom  Standpunkt  der  älteren
fiskalischen  und  kommerziellen  Nationalökonomie  das  Augenmerk  auf  die  Produktion ­
  steuerbarer  Tauschwerte  oder  verkäuflicher  Waren  beschränkt  und  demgemäß
den  viel  gemißhandelten  Begriff  der  Produktivität  so  willkürlich  einengt,  wie  es  z.  B.
Adam  Smith  getan  hat.  Wir  umfassen  vielmehr  mit  dem  Begriffe  der  Produktion
z.  B.  eines  Mittagessens  alle  die  Aufwendungen,  die  für  die  Nutzung  seiner  Bestandteile ­
  im  menschlichen  Organismus  erforderlich  sind;  also  außer  ihrer  Fabrikation
das  Zubereiten  in  der  Küche  und  das  Servieren  im  Eßzimmer,  das  Zerkleinern  mit
Messer  und  Zähnen,  den  nötigen  Verdauungsspaziergang  ')  und  die  unter  Umständen
mühsame  Ausscheidung  und  Abfuhr  der  Verdauungsrückstände;  dies  alles  ist  Produktion, ­
  großenteils  eigenwirtschaftliche  Produktion  für  den  eigenen  Bedarf,  nicht
Konsumtion.  Konsumtion  ist  nur  der  Empfang  der  Nutzwirkung  des  Guts  durch  den
Körper  oder  Geist  des  Konsumenten.  Geistige  Güter:  ästhetische  Genüsse  und  sittliche ­
  Werte  von  dem  Begriffe  der  Konsumtion  auszuschließen,  liegt  kein  Grund
vor;  man  denke  an  entgeltliche  Konzerte.
Eine  Grenzstörung  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  tritt  ein,
wenn  die  Produktion  selbst  zugleich  eine  Befriedigung  gewährt.  Das  sollte  möglichst
bei  aller  Produktion  der  Fall  sein.  In  Wirklichkeit  trifft  es  in  verschiedenstem
Maße  zu;  in  der  Eigenwirtschaft  mehr  als  bei  der  verkehrswirtschaftlichen  Arbeit,
bei  der  selbständigen  und  leitenden  Arbeit  mehr  als  bei  der  abhängigen,  bei  der
geistigen  mehr  als  bei  der  mechanischen.  Die  Pflege  von  Wissenschaft  und  Kunst,
so  hoch  produktiv  sie  sein  mag,  ist  ein  Typus  der  Verschmelzung  von  Produktion
und  Konsumtion.  Ein  Rentier,  der  eine  Beschäftigung  ausübt,  um  seinen  Tätigkeitsdrang ­
  zu  stillen,  kann  mehr  Konsument  als  Produzent  sein,  und  die  produktive
Tätigkeit  kann  ins  Spiel  übergehen,  das  zur  Konsumtion  gehört.
Auch  die  Konsumtion  selbst,  ob  sie  nun  selbstgewählt  oder  oktroyiert  ist,  kann
neben  der  Beseitigung  der  Unlust  eines  unbefriedigten  Bedürfnisses  positive  subjektive ­
  Lustgefühle  auslösen.  Diese  Gefühle  mag  die  Natur  der  Konsumtion ­
  beigesellt  haben,  um  die  Befriedigung  des  Bedürfnisses  sicherer  herbeizuführen. ­
  Auch  solche  Lustgefühle  sind  ein  zusätzlicher  Bestandteil  der  Konsumtion, ­
  neben  der  objektiven  Nutzwirkung.  Aber  in  gewissem  Maße  ist  subjektives
Wohlgefallen  doch  auch  Bedingung  dieses  objektiven  Konsumtionseffekts.  So  legt
die  neuere  Verdauungsphysiologie  auf  die  gefällige  Aufmachung  der  Speisen  und
Getränke  und  auf  Appetitreizmittel  überhaupt  Gewicht.  Die  seelischen  und  gefühlsmäßigen ­
  Obertöne  in  der  Konsumtion  dürfen  auch  aus  diesem  Grunde  nicht
überhört  werden.
Der  Umfang  der  Konsumtion  ist  sowohl  durch  die  Menge  der
verfügbaren  Güter  wie  durch  den  Bedarf  begrenzt.  Der  Bedarf,  oder  vielmehr  das
Bedürfnis,  wechselt  individuell  und  mit  dem  Lebensalter;  es  wächst  mit  der  Gewöhnung ­
  und  nimmt  ab  beim  Altern.  Niemandes  Genußfähigkeit  ist  unbegrenzt,
und  mit  Bedauern  muß  der  genußfreudige  Konsument  erfahren,  daß  die  einzelnen
Genüsse  einander  im  Wege  stehen  und  die  Ausnutzung  der  für  die  einzelne  Genußart
an  sich  vorhandenen  begrenzten  Genußfähigkeit  noch  weiter  einschränken.
Eine  noch  engere  Grenze  zieht  aber  in  der  Regel  die  jeweilig  verfügbare  Menge
der  Befriedigungsmittel.  Von  dieser  Seite  her  ist  die  Konsum  tion  in  der  verkehrslosen
Eigenwirtschaft  durch  die  Produktion  und  den  Gütervorrat,  in  der  Verkehrswirtschaft ­
  auch  durch  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  nach  oben  begrenzt.  Die  jährliche
Kaufkraft  in  einem  Lande  ist  eigentlich  dem  jährlichen  Produktionswerte  gleich;
ein  Volk,  das  für  30  Milliarden  Mark  Güter  produziert,  kann  auch  für  30  Milliarden
Mark  kaufen;  aber  die  Kaufkraft  differiert  doch  von  dem  Produktionswert  insofern,
0  Bei  gewissen  modernen  Nahrungsmitteln  wird  auch  ein  Teil  der  Verdauung  in  das  verkehrswirtschaftliche ­
  Produktionsstadium  einbezogen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.