294 Zweiter Teil. Kandel. XIV. Kaufmännisches Anterrichtswescn.
lesung erfolgt unter pädagogischen Gesichtspunkten; den Llnterrichtszwecken entsprechend
wird der Stoff gruppiert, einiges besonders ausführlich, anderes knapper behandelt,
während das Lehrbuch alles mit gleicher Gründlichkeit vorträgt. So soll der Blick für
die Methode der Arbeit an einigen Stoffen geschärft werden, der an anderen Fragen
sich dann selbst üben kann. So soll die Persönlichkeit des Dozenten, die im gesprochenen
Wort sich noch ganz anders offenbart als im toten Buchstaben, zugleich einwirken auf
den Körer, ihn für den Stoff persönlich interessieren. Kann es sich natürlich nie darum
handeln, die Ansichten des Lehrers durch persönliche Überzeugungskraft dem Schüler zu
oktroyieren, sondern kommt es immer auf das sachliche Gewicht der von ihnr vertretenen
Meinungen an, so ist doch der Eindruck des gesprochenen Worts ein besonders lebendiger,
ein zu persönlicher Stellungnahme auffordernder, so daß den: mündlichen Vortrag doch
erhebliche Vorzüge gegenüber dem Bücherstudium allein anhaften.
Wie steht es nun mit dem Besuch der Vorlesungen, höre ich Sie fragen, muß
man sie regelmäßig besuchen? Die Antwort darauf besteht in dem vieldeutigen Wort:
Akademische Freiheit! Sie haben Freiheit, zu kommen und wegzubleiben, abgesehen
von den Übungen, in denen regelmäßige Teilnahme unbedingt erforderlich ist, um den
gleichmäßigen Fortschritt der Teilnehmer zu ermöglichen. Für die Vorlesungen dagegen
besteht eine gleiche Notwendigkeit nicht. Kier dürfen Sic nach Belieben wegbleiben
oder, wie der Kunstausdruck heißt, „schwänzen". Es ist wichtig, dies deutlich aus
zusprechen. Denn in diesem Recht liegt zugleich eine wichtige Aufgabe für jeden
Studierenden: er darf — im Gegensatz zu jedem Schulbetricb — wegbleiben, er braucht
dies vor niemandem zu rechtfertigen, außer vor seinem Gewissen. Abwechselnd eine
Stunde kommen und wegbleiben, ist freilich zwecklos, denn dann sind Sie stets außer
Zusammenhang und verstehen im Grunde so gut wie nichts von dem Vorgetragenen.
Dagegen können in jeder Vorlesung Abschnitte kommen, die für Sie keinen Wert haben.
Diesen können Sie dann mit gutem Gewissen fernbleiben. Also, wenn Sie z. B.
Warenkunde belegen, so brauchen Sie nicht alle Rohstoffe kennen zu lernen. Kören
Sie die allgemeinen Einleitungspartien der Vorlesungen, und fragen Sie dann den
Dozenten, wann diejenigen Rohstoffe behandelt werden, für die Sie gerade ein besonderes
Interesse haben. Schaden kann Ihnen ein Mehreres nicht, aber absolut notwendig ist
es auch nicht, daß Sie alles einzelne aus dem Gebiet hören. Ja, cs kann auch vor
kommen, daß eine Vorlesung etwas ganz anderes bietet, als Sie erwartet hatten. Zwar
werden Sie auch aus einer solchen lernen können; aber niemand wird es Ihnen ver
denken, wenn Sie alsdann die Vorlesung ganz aufgeben. Also schwänzen Sie ruhig,
aber schwänzen Sic mit Verstand, nicht nur aus bloßer Bequemlichkeit, oder weil Sie
lieber statt in die Vorlesung ins Cafe gehen wollen, sondern aus vernünftigen Gründen,
die Sie vor sich und anderen rechtfertigen können.
Eine weitere wichtige Frage ist die, ob Sie im Kolleg nachschreiben sollen. Wo
etwas diktiert wird, ist dies ja durch den Wunsch des Dozenten ohne weiteres geboten.
Aber zumeist wird nicht diktiert; wie soll man es da halten? Vor einem möchte ich
Sic von vornherein warnen, nämlich vor dem Stenographieren des ganzen Vortrags.
Solch wörtliches Nachschreiben ist nicht von Wert, weil dadurch die Gedankenarbeit
auf ein unzulässiges Mindestmaß herabgedrückt würde. Dagegen ist das Verfolgen
des Gedankengangs der Vorlesung durch kurze, das Gehörte zusammenfassende Notizen
sehr wünschenswert. Einmal wird man durch solche Notizen genötigt, sich jedesmal
den Sinn des Gehörten kurz zu rekapitulieren, und zweitens kann man sich später sehr
schnell und leicht über den ganzen Inhalt der Vorlesung noch einmal orientieren.
Das führt mich zu der Frage, wie weit nun die Vorlesung durch häusliche
Arbeit ergänzt werden soll. Dabei werden Sie sich eine verschiedene Praxis hinsichtlich
der Laupt- und der Nebenvorlesungen bilden müssen. Nicht, daß die längsten Vor
lesungen auch immer die Kauptvorlesungen für Sie sein müssen. Aber Sic müssen