Object : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Die  Messe  von  Nischni-Nowgorod  einst  und  jetzt.  205
Wie  in  Europa  und  Indien,  so  hat  auch  in  Rußland  die  Baumwolle  die  Bedeutung ­
  gehabt,  die  geldwirtschastliche  Bedürfnisbefriedigung  in  die  Massen  hinunterzutragen. ­
  Durch  sie  werden  Wolle  und  Flachs  aus  der  Eigenproduktion  des  Bauernhofes ­
  verdrängt.  Auf  der  Grundlage  des  heimischen  Massenverbrauchs  entfaltete  sich
die  Baumwollindustrie  als  die  erste  moderne  Fabrikindustrie  Rußlands.  Während  die
Einfuhr  von  Textilprodukten  aus  Asien  nahezu  aufgehört  hat,  gehen  russische  Garne,
Druckkattune,  auch  farbenprächtige  Seiden-  und  Lalbseidenwaren  in  wachsenden  Beträgen ­
  nach  den  transkaspischen  Besitzungen  Rußlands.  Die  Spindel  aus  Metall  hat
die  kunstgeübte  Land  der  asiatischen  Spinnerin  auch  in  ihrer  eigenen  Leimat  geschlagen.
Neben  den  Textilwaren  spielen  Eisenwaren  heute  die  wichtigste  Rolle  auf  der
Messe,  sodann  eine  stets  wachsende  Anzahl  anderer  russischer  Industrieprodukte,  z.  B.
Glas-,  Porzellanwaren  usw.  Der  europäische  Schund,  berechnet  auf  einen  gänzlich
ungebildeten  Geschmack,  ist  nahezu  verschwunden.  Leute  kaust  man  europäische  Luxuswaren
  in  den  glänzenden  Magazinen  des  Petersburger  Newski  oder  der  Moskauer
Schmicdebrücke,  zwar  zu  hohen  Preisen,  aber  in  Qualitäten,  die  selbst  den  Kenner
befriedigen.
Eine  Folge  der  verbesserten  Verkehrsverhältnisse  ist  das  breitere  Auftreten  von
Naturprodukten  auf  der  Messe,  —  Naphtha,  Fische,  russische  Weine,  Rohbaumwolle ­
  usw.  Sie  alle  dienen  dem  inneren  Verkehr.  Dagegen  ist  der  Ausfuhrhandel
mit  Rohprodukten  nach  Europa  dem  Meßverkehr  entzogen.  Die  einzige  Ausnahme
bildet  das  Pelzwerk,  dessen  asiatisches  Produktionsgebiet  dem  regulären  europäischen
Landel  wenig  zugänglich  ist.
In  den  letzten  Jahren  vollzog  sich  eine  weitere  Veränderung.  Die  Messe  von
Nischni  hat  ihren  Löhepunkt  überschritten.  Der  Wert  der  zugeführten  Waren  betrug
1880—1884  im  Jahresdurchschnitt  215Vs  Millionen  Rubel  und  war  in  den  Jahren
1892—1896  auf  170  Millionen  gefunken.  Insbesondere  werden  heute  weniger
Texülwaren  zur  Messe  gebracht  als  vordem,  obgleich  dieselben  noch  immer  die  leitende
Ware  der  Messe  sind:  49  Millionen  Rubel  im  Durchschnitt  der  Jahre  1868—1872
gegen  45  Millionen  1890  und  1891,  —  und  dies  ttotz  der  gewaltigen  Ausdehnung
gerade  der  Textilindustrie  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten.  Dies  bedeutet,  daß  die
wichtigste  russische  Industrie  sich  vom  Meßabsatz  loszumachen  beginnt.  Baumwollgarne ­
  erscheinen  oft  nur  in  Spezialitäten  auf  der  Messe,  z.  B.  gefärbte  Garne  für
den  asiatischen  Verkehr,  die  Kattune  vielfach  nur  in  Mustern.  Die  Messe  wird  zur
Börse;  an  Stelle  des  Verkaufs  in  nuturu  tritt  die  Preisfestsetzung  und  Bestellung
nach  Proben  unter  örtlicher  Zusammenfassung  von  Angebot  und  Nachfrage.
Aber  diese  Börse  läßt  sich  ebensogut  oder  besser  in  Moskau  abhalten,  umsomehr,
als  die  einjährige  Frist,  au  welche  die  Messe  von  Nischni  gebunden  ist,  den  schnelleren
Schwankungen  der  geschäftlichen  Konjunkturen  von  heute  nicht  mehr  entspricht.
Jedoch  bleibt  der  Messe  ein  breites,  ja  wachsendes  Gebiet  in  den  asiatischen
Dependenzen  Rußlands.  Politisch  unabhängige  Asiaten,  Perser  und  Türken  pflegen
auf  der  Messe  nur  zu  verkaufen,  um  Bargeld  mit  nach  Lause  zu  nehmen,  für  welches
sic  daheim  westeuropäische  Industrieprodukte  kaufen.  Die  Kaukasier  und  die  Trauskaspier
  dagegen  sind  durch  das  sie  umschlingende  Schutzzollsystem  gezwungen,  russische
Industrieprodukte  von  der  Messe  mitzunehmen.  Durch  ein  wertvolles  Ausfuhrobjett,
welches  mehr  und  mehr  an  Bedeutung  gewinnt,  die  Rohbaumwolle,  werden  diese
Transkaspier  zunehmend  kaufkräftige  Abnehmer  der  russischen  Industrie.
Den  asiatischen  Gewohnheiten  aber  entspricht  noch  heute  und  auf  lange  hinaus
der  Meßhandel.  Soweit  nicht  unter  den  Volksgenossen  geheiligte  Äberlieferung  die
Preise  festsetzt,  ist  der  Kaufmann  noch  heute  wie  vor  alters  der  „Äberlister".  Der
Asiate  mißtraut  den  zugesandten  Mustern  und  Warenproben;  er  will  die  Waren  selbst
sehen  und  untersuchen.  Er  glaubt  sich  übervorteilt,  wenn  der  Preis  ohne  stunden-
            
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