Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

1.  Die  Börse  nach  Zola.

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Der  Dichter  aber  legt  dem  Leiden  die  Worte  in  den  Mund:  „Die  Spekulation
ist  das  Lerz,  welches  das  Blut  des  Wirtschaftslebens,  das  Geld,  ansammelt  aus  tausend
kleinen  Kanälen,  um  es  nach  allen  Richtungen  ausströmen  zu  lassen  und  die  großen
Werke  der  Zivilisation  zu  ermöglichen.  ...  Es  bedarf  eines  großen  Projekts,  um  die
Phantasie  zu  ergreifen;  es  bedarf  der  Loffnung  auf  großen  Gewinn,  um  die  Leidenschaften ­
  zu  entzünden,  um  die  Kapitalien  anzulocken.  .  .  .  Die  Gefahr  des  Verlustes,
was  schadet  sie?  Sie  verteilt  sich  auf  viele,  je  nach  dem  Vermögen  und  dem  Wagmut
der  einzelnen,  und  die  Menschheit  hat  keine  unauslöschlichere  Sehnsucht  als  die,  das
Glück  zu  versuchen!"
Indessen,  noch  eine  andere  Stimme  läßt  der  Dichter  uns  vernehmen.  Es  ist
die  Stimme  des  begeisterten  Schülers  von  Karl  Marx.  „Jawohl",  ruft  dieser  dem  Börsenhelden ­
  zu,  „Ihr  arbeitet  für  uns,  ohne  es  zu  ahnen.  .  .  .  Ihr  beutet  die  Masse  des
Volkes  aus,  und  wenn  Ihr  Euch  vollgesogen  haben  werdet,  dann  wird  uns  nur
übrigbleiben.  Euch  zu  expropriieren,  .  .  .  Jedes  Monopol,  jede  Zentralisation  führt
zum  Kollektivismus;  der  Kollektivismus  ist  die  Amwandlung  der  Privatkapitalien,  die
von  den  Kämpfen  der  Konkurrenz  leben,  in  ein  einziges  Gesellschaftskapital,  das  durch
die  Arbeit  aller  bewegt  wird,  .  .  .  eine  gemeinsame  Produktion  in  den  Fabriken  und
auf  den  Feldern,  wo  jeder  arbeitet  nach  seiner  Fähigkeit  und  jedem  entgolten  wird
nach  seiner  Anstrengung.  Mit  der  Konkurrenz  und  dem  Privatkapital  fallen  auch  die
Geschäfte  aller  Art,  kein  Lande!,  keine  Kontrakte,  keine  Börsen.  Die  Idee  des
Gewinnes  hat  keinen  Sinn  mehr;  die  Quellen  der  Spekulation,  der  Renten,  die  man
ohne  Arbeit  gewinnt,  sind  dann  versiegt."
Lier  haben  wir  also  die  Alternative.  Sie  ist  keineswegs  neu.  Aber  daß  sie
zum  Gegenstände  eines  großen  Romanes  gemacht  wird,  ist  —  neben  manchen  ähnlichen
Erscheinungen  der  heutigen  Literatur  —  bemerkenswert.  Wenn  die  Altcrnaüve  jemals
zuvor  in  ihrer  ganzen  Schroffheit  hingestellt  worden  ist,  hier  hat  der  überspannte
Naturalismus  des  Dichters  das  Seinige  hinzugetan.
Wie  stehen  wir  zu  dieser  Fragestellung?  Gibt  es  in  der  Tat  nur  die  Wahl,
welche  der  französische  Dichter  uns  läßt  in  den  Fußspuren  des  konsequenten  Sozialismus?
Wir  gestatten  uns  hier  zweierlei  Einschränkungen,  eine:  tatsächlicher  Art,  und
eine:  prinzipieller.  Das  Tatsächliche,  das  Zola  vorführt,  ist  gleich  allem,  was  uns  seine
Romane  als  Wirklichkeit  malen,  ein  Zerrbild  der  Wirklichkeit.  Es  ist  jedes  ins
Anglaubliche  gesteigert,  und  keiner,  der  die  Dinge  kennt,  wird  so  etwas  für  möglich
halten.  Ein  Anternehmen  von  solcher  Schwindelhastigkeit,  von  so  überspannten  Zielen;
ein  Publikum  von  solch'  kindischer  Leichtgläubigkeit,  so  verblendet  durch  die  Lust  am
Gewinne,  so  schrankenlos  in  seinen  Hoffnungen;  ein  Kreis  von  Persönlichkeiten  an  der
Spitze  des  Anternehmens,  meistens  Leuten,  die  nicht  bloß,  wie  jener  Wiener  Spekulant,
nach  dem  eigenen  Zeugnis,  mit  dem  Ärmel  das  Zuchthaus  gestreift  haben,  sondern  in
Wahrheit  alle  verdienten,  darinnen  zu  sitzen;  Geschäftspraktiken,  die  von  Anfang  bis  zu
Ende  Ausgeburten  der  Lüge  und  des  leeren  Scheines  sind  und  dennoch  jahrelang
gedeihen,  —  das  ist  eine  Atopie  der  heutigen  Erwerbsgesellschast,  wie  der  Roman  Bellamys
und  ähnlicher  Schwärmer  Atopien  der  künftigen  Gesellschaft  sind.  Man  kann  ein  recht
offenes  Auge  für  die  wirklichen  Gebrechen  dieser  Sphäre  haben,  jeder  erfahrene  Blick
erkennt  in  jenem  Phantasiegemälde  die  Andeutungen  der  wirklich  vorhandenen  tiefen
Schäden;  aber  so  arg  ist  die  Wirklichkeit  nicht.
And  dann,  was  wichtiger,  das  prinzipielle  Bedenken.  Es  handelt  sich  um  den
Punkt,  an  dem  der  Naturalismus  des  Dichters  und  der  Naturalismus  der  sozialistischen
Ethik  ineinander  laufen.  Es  handelt  sich  um  die  große  Grundfrage  der  Volkswirtschaft
und  der  Gesellschaft,  ob  auf  dem  Boden  des  heutigen  Erwerbslebens  wilde  Naturgewalten ­
  sich  austoben,  die  ihren  Bändiger  nicht  anders  zu  finden  vermögen  als  durch
die  Beseitigung  dieser  Gesellschaft  selber  in  dem  sozialistischen  Staate,  oder  ob  nicht
            
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