Full text : Der Wirtschaftsbetrieb als Betrieb (Arbeit)

120

Die  Organisation.

werden  müssen,  als  welche  die  höhere  Lohn-  und  Gehaltseinstufung,  die  Gewährung  von
Sondervorteilen  bezüglich  Wohnung  und  Beschäftigungsdauer  und  ähnliche  anzusehen  sind.
Der  Wirtsohaftsbetrieb  selbst  hat  das  Bestreben,  eine  möglichst  vielgestaltige  Befehls-  und
Gehaltsstufung  der  Mitarbeiter  einzuführen  und  beizubehalten,  um  dadurch  die  gesamte
Gefolgschaft  aufbereiten  zu  können,  d.  h.,  ein  Mittel  zu  haben,  die  natürliche  positive  Auslese
der  Betriebsangehörigen  zu  ermöglichen.  Von  Stufe  zu  Stufe,  wie  durch  immer  feiner  werdende ­
  Siebsysteme,  wird  das  Menschengut  ausgelesen  und  klassiert,  um  schließlich  am  Ende
der  Stufenleiter  nur  den  bestgeeigneten  und  fachkundigsten  Mann  als  Leiter  gewinnen  zu
können.  Wie  alle  Ausscheidungsvorrichtungen  ist  auch  dieses  System  in  vielem  unvollkommen;
einmal  besteht  die  Gefahr,  daß  die  Einheit  des  Betriebes  untergraben  wird,  vor  allem  aber,  daß
das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  bei  der  Gefolgschaft  und  die  Zusammenarbeit  leidet 1 .
Ferner  sind  Eigenschaften,  die  das  Durchlaufen  der  Stufenleiter  begünstigen,  nicht  immer  die,
welche  dem  Betrieb  erwünscht  sind.  Besonders  die  Auswahl  der  obersten  Leiter  ist  auf  diese
Art  in  Großbetrieben  nicht  oder  nur  sehr  selten  und  unvollkommen  möglich 1  2 .  Der  Grund  liegt
im  wesentlichen  in  der  Tatsache,  daß  die  Auswahl  nicht  nach  den  wirklichen,  sondern  nach
den  statt  der  Wirklichkeit  angenommenen  repräsentativen  Merkmalen  erfolgen  muß,  deren
Richtigkeit  wiederum  fast  nie  klar  zu  bestimmen  ist.  Zwar  hat  jede  Befehls-  und  Arbeitsstufe
ihre  eindeutigen  Anforderungen,  aber  ihre  zufriedenstellende  Erfüllung  besagt  noch  nicht,  daß
auch  die  Pflichten  der  nächsten  Stufe  ebenso  im  Sinne  des  Betriebes  erledigt  werden  können.
Ein  tüchtiger  Schlosser  ist  noch  kein  tüchtiger  Meister  und  ein  tüchtiger  Betriebsführer  kein
tüchtiger  Unternehmer;  „das  Führerproblem  ist  kein  Problem  der  Auswahl,  sondern  der
Persönlichkeit,  die  sich,  wenn  vorhanden,  auch  ohne  besondere  Auswahlmethodik  durchsetzt“ ­
 3 ,  ist  deshalb  die  landläufige  Ansicht.  Aber  es  ist  klar,  daß  auch  dieser  Fall  als  natürliche
Auswahl  hierher  gehört,  mögen  die  Verfahren  der  betrieblichen  Auswahl  auch  noch  so  unvollkommen ­
  sein  und  auch  Niohtgeeignete  nach  oben  kommen  lassen.  Denn  das  wird  oft  vergessen: ­
  die  betriebliche  Führerauswahl  kann  nur  negativer  Art  sein,  sofern  sie  überhaupt
Erfolg  haben  soll;  der  Führer  muß  trotz  aller  Hemmungen,  die  nicht  scharf  genug  sein  können,
sein  Ziel  erreichen.
So  wird  also  im  Betriebe  mit  den  Menschen  ähnlich  verfahren  wie  bei  der  Ausfällung ­
  von  Stoffen  nach  bestimmten  chemischen  Eigenschaften:  durch  fein  unterteilte ­
  Betriebsstufung  wird  eine  fortlaufende  Ausscheidung  nach  den  verschiedensten ­
  Kenntnissen,  Fähigkeiten,  Eigenschaften,  Erfahrungen  usw.  ermöglicht.
Die  größeren  Schwierigkeiten  liegen  hier  in  der  Veränderlichkeit  des  Menschen,  der
die  Ausleseeinrichtungen  bedient  und  darstellt,  und  der  unter  der  Einwirkung  der
Kenntnis  des  Systems  sich  selbst  diesem  anpaßt  und  so  den  eigentlichen  Zweck
zunichte  macht 4 .
Die  natürliche  Auswahl  der  Stoffe  und  Verfahren  im  Betriebe  erfolgt  durch  das
Kennzeichen  der  technischen  Eignung  nach  den  jeweils  erforderlichen  Merkmalen:
hohe  Betriebs-  und  Erneuerungskosten,  Bruch,  schneller  Verschleiß,  Gefährlichkeit, ­
  Betriebsunsicherheit,  je  nach  Bedarf  mangelnde  allgemeine  Gebrauchsfähigkeit ­
  oder  Unbrauchbarkeit  für  besondere  Zwecke  sind  die  Auslesebedingungen.
Ersatzteilläger,  Reparaturwerkstätten,  Unfallverhütungsvorschriften  und  Sicherheitsmaßnahmen, ­
  Schulungs-  und  Pflegekurse  und  ähnliche  Einrichtungen  sind
organisatorische  Gegenwirkungen.
Als  bedeutsames  Mittel  der  organisatorischen  Auswahl  muß  auch  die  Werbung
angesehen  werden,  die  in  der  Darstellung  der  betrieblichen  Aufgaben  zumeist  dem
Vertrieb  zugeordnet  wird.  Sie  geht  jedoch  weit  darüber  hinaus,  lediglich  ein
Hilfsmittel  des  Absatzes  der  Erzeugnisse  zu  sein,  ist  vielmehr  besonders  dann,
wenn  sie  sich  an  bestimmte  Personengruppen  (Bausparer,  Beamte,  Kranke)  mit
bestimmten  Mitteln  (Vertreterbesuch,  Zeitungsanzeige,  Rundfunkvortrag,  Kostprobe, ­
  Ansichtssendung)  wendet,  auch  eine  eindeutig  organisatorische  Maßnahme
der  Auswahl  seitens  des  Betriebes,  die  auf  die  Anziehung  eines  ganz  bestimmt
gearteten  Stammes  von  Kunden  oder  Mitarbeitern  hinzielt.
1  Siehe  hierzu  Dreyfuß:  S.  löu.a.
2  Dr.  Vogler  deutete  auf  der  außerordentlichen  Generalversammlung  der  Vereinigten
Stahlwerke  AG.  am  29.  November  1933  in  Essen  diese  Schwierigkeiten  an.
3  Gerhardt:  S.  127.
4  Siehe  hierzu  Bogdanow:  Bd.  II,  S.  171/77  und  Jaspers:  S.  32—35.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.