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her, ohne weiter darauf eingehen zu können (vgl. S. 10,
S. 124 seines Werkes u. ö.).
Ein das ganze Werk in allen Untersuchungen bestimmender
Gedanke ist die bekannte Unterscheidung Mar Webers von Politik
und Theorie, Wert und Wirklichkeit, die er von der neukan-
tischen Schule übernahm und als erster in die Sozialwissen
schaft einführte (Kelsen folgte erst später). Der theoretische
Begriff betrifft nach ihm das Sein, der politische Begriff, die
politische Lehre, betrifft das Sollen, den Wert. Die Theorie ist,
so sagt er, vollkommen „wertfrei", der Wert, die Politik da
gegen entspricht der Weltanschauung, dem Subjektiven, dem
Wertenden. Seit der Tagung des Vereins für Sozialpolitik
zu Wien 1909 hat Mar Weber diese Unterscheidung mit der
ihm eigenen Wärme wiederholt vertreten. Er, der so oft dem
entschiedensten Positivismus und Empirismus zuneigte, ist
hier ganz in den Bahnen des Neukantianers Cohen ge
wandelt, welcher Sein und Sollen wie zwei Welten, die
grundsätzlich nie zueinander kommen können, trennte. Ich habe
an anderer Stelle*) die Fehler des Cohenischen, Weberischen
und Kelsenischen Gedankenganges ausführlich nachgewiesen.
Indem ich darauf verweise, glaube ich mich hier mit der Be
hauptung begnügen zu dürfen, daß das entscheidende Wort
in dieser unheilvollen Bewegung, die Mar Weber im Verein
mit andern auslöste, dieses ist: die Verschiedenheit in den Voll
kommenheitsbegriffen oder „Wertungen" der einzelnen volks
wirtschaftlichen Theorien und Schulen — man denke z. B. an
den Gegensatz von Freihandel und Schutzzoll — hat ihren Grund
nicht in der Verschiedenheit der politischen und subjektiven Vor
aussetzungen ihrer Vertreter, sondern in der Verschiedenheit der
analytischen Voraussetzungen ihrer Theorien. Der Wert
*) Zeitschrift für öffentliches Recht, III. Bd., Wien 1923, ferner
meine Gesellschaftslehre, 2A., 1923, S. 555 ff. u. ö. und meine „Kate
gorienlehre", 1924, S. 326 ff.