Full text : Meyer Amschel Rothschild, der Gründer des Rothschildschen Bankhauses

des  Jahres  1807,  und  die  Haussuchung  der  Franzosen  fand  später
statt,  entweder  noch  im  Jahre  1807  oder  im  Jahre  1808.  Demnach
darf  die  Entstehung  der  ursprünglichen  Legende  vermutlich  nicht
vor  der  Herbstmesse  1807  und  jedenfalls  nicht  nach  dem  Jahre  1808
angesetzt  werden.  Die  Abweichungen  in  Schlossers  Angaben,
wonach  die  Legende  bereits  im  Oktober  1806  bestanden  haben
könnte,  muß  demnach  auf  begreiflichem  Gedächtnisfehler  und  die
Verbindung  mit  der  Flucht  des  Kurfürsten  und  den  Weinfässern
auf  nachträglicher  Kombination  beruhen.
Wenn  Cohen,  der  sich  bei  Abfassung  seines  Nekrologs  offenbar
mit  der  Rothschildschen  Familie  besprochen  hatte,  die  Legende
nicht  erwähnt,  sogar  bemerkt,  daß  Meyer  Amschel  dem  Hessischen
Hofe  nur  bis  zum  Jahre  1806  diente,  wo  sein  Dienst  mit  der
Existenz  dieses  Hofes  aufgehört  habe,  so  beweist  das  nur,  daß
man  zu  jenem  Zeitpunkt  noch  bestrebt  war,  das  wahre  Verhältnis
Meyer  Amschels  zum  Kurfürsten  zu  verschleiern.  Es  scheint  jedoch
längere  Zeit  gedauert  zu  haben,  bis  die  Legende  über  das  Weichbild ­
  der  Stadt  Frankfurt  vordrang.  Noch  in  den  Biographischen
Nachrichten  über  das  Haus  Rothschild,  die  Fr.  von  Gentz  im
Jahre  1826  niederschrieb  220 ,  wird  die  Rettung  des  kurfürstlichen
Vermögens  nicht  erwähnt.  Erst  im  Jahre  1827  begegnen  wir  einer
gedruckten  Mitteilung  darüber.  Das  Brockhaussche  Konversationslexikon ­
  nämlich  brachte  in  seiner  7.  Auflage  einen  Artikel  über
das  Haus  Rothschild 221 ,  und  zwar  in  Form  eines  Auszugs  aus  den
Biographischen  Nachrichten  von  Gentz.  Dort  wird  in  einer  Fußnote
bemerkt,  daß  das  große  Privatvermögen  des  Kurfürsten,  als  er  im
Jahre  1806  aus  seinem  Lande  fliehen  mußte,  beinahe  eine  Beute
Napoleons  geworden  sei.  Meyer  Amschel  habe  einen  beträchtlichen
Teil  desselben  durch  Mut  und  Klugheit,  obgleich  nicht  ohne  eigene
Gefahr,  gerettet  und  es  gewissenhaft  verwaltet.  Mit  diesem  Zusatz,
der  bezeichnenderweise  von  einem  Frankfurter  222  herrührte,  war
die  Legende  mit  einem  Schlag  in  der  ganzen  Welt  verbreitet  und
bildete  von  jetzt  ab  nicht  nur  eine  ständige  Rubrik  bei  der  großen
Zahl  der  Rothschild-Skribenten,  sondern  wurde  auch  von  den  ernsten
Forschern  als  Wahrheit  hingenommen.  Gutzkow,  der  im  Jahre  1835
eine  Schilderung  Rothschilds  gab,  spricht  von  der  Geschichte  als
von  etwas  allgemein  Bekanntem  und  hält  es  nicht  für  nötig,  sie
nachzuerzählen  223 .  Weiter  ausgeführt  und  gehörig  ausgeschmückt
tritt  die  Legende  in  der  8.  Auflage  des  Brockhausschen  Konversations-
            
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