Full text : Finanzwissenschaft

A.  II.  Abschnitt.  Die  Geschichte  des  Steuerwesens.  209
Einigen  Einblick  in  die  historische  Entwicklung  mag,  wenn
auch  nur  teilweise,  in  jener  Terminologie  gefunden  werden,  die  in
verschiedenen  historischen  Zeiten  zur  Bezeichnung  des  Steuerbegriffes
benutzt  wurde.  Wir  verwerten  hier  zum  Teil  die  von  Seligmann 1 )
angegebenen  Daten.  Demgemäß  war  die  Steuer  in  der  ältesten
Zeit  Geschenk  (donum,  benevolence) ;  später  von  der  Regierung  erbetene ­
  Hilfe  (Bede,  precarium);  in  einer  späteren  Zeit  eine  Unterstützung, ­
  deren  Notwendigkeit  man  nach  und  nach  einsah  (Adjntorium,
  aid,  aide,  subsidy,  Contribution,  Steuer,  hjelp).  Darin  kommt
zum  Ausdruck,  daß  die  Steuer  ein  Opfer  des  Individuums  ist  im
Interesse  des  Staates  (Gabelle,  Abgabe,  dazio,  ungarisch  adö  —
Gabe).  Dann  begegnen  wir  der  Erkenntnis,  daß  die  Steuer  eine
"Pflicht  ist  (duty) ;  daß  sie  ein  Zwangsbeitrag  ist  (impost,  imposta,
impot,  Auflage,  ungarisch  roväs  —  Auflage).  Manche  Bezeichnungen
drücken  den  Begriff  aus,  daß  die  Steuer  ein  gewisser  Teil  der  Habe
ist  (Schoß,  Schatzung,  rate,  im  Skandinavischen  scalt).  Wenn  diese
Ausdrücke  auch  nicht  genau  verschiedene  Perioden  des  Steuerwesens ­
  und  deren  Nacheinanderfolge  bezeichnen  und  den  Steuergedanken ­
  in  verschiedenen  Perioden  charakteristisch  ausdrücken,
doch  zeigen  sie  die  verschiedene  Bedeutung  und  Erklärung  der
Steuer  in  verschiedenen  Zeiten  und  bei  verschiedenen  Völkern.
2.  Die  Hauptmomente  der  hier  geschilderten  Entwicklung  kehren
mehr  minder  überall  wieder.  Trotzdem  können  wir  mit  Bezug  auf
die  tiefgreifende  Umgestaltung  des  neueren  Steuerwesens  Wagner
recht  geben,  wenn  er  sagt,  daß  die  ganze  Epoche  vor  dem  19.  Jahrhundert ­
  gewissermaßen  als  eine  Periode  betrachtet  werden  kann.
Die  Steuer,  und  namentlich  die  direkte  Steuer,  die  ja  eigentlich
den  Haupttypus  der  Steuer  repräsentiert,  bildet  nur  eine  exceptionelle ­
  Einnahmequelle,  doch  kommt  sie  fast  in  jedem  Zeitalter  vor.
So  sehen  wir,  daß  Geschenke,  freiwillige  Gaben  an  das  Staatsoberhaupt ­
  in  Griechenland  schon  in  den  ältesten  Zeiten  vorkamen ;
mit  einigem  Druck  gestalteten  sich  diese  Geschenke  zu  obligatorischen ­
  Leistungen.  Namentlich  die  Steigerung  der  Kriegsausgaben
führt  zur  Benutzung  von  beständigen  Steuerquellen,  wie  dies  ja
auch  in  Rom  der  Fall  war,  als  die  Soldzahlung  eingeführt  wurde.
In  dem  führenden  Staate  Griechenlands,  in  Athen,  machte  sich
dieses  Bedürfnis  weniger  geltend,  denn  die  Soldzahlung  wurde  aus
den  Tributen  der  Bundesgenossen  bestritten  und  mit  dem  Sieg  der
radikalen  Demokratie  wurden  die  Kosten  in  der  Form  der  Liturgien ­
  auf  die  Reichen  überwälzt.  Soferne  Steuern  notwendig  wurden,

*)  Essays  on  Taxation  (New-York  1895)  8-  6.
Fold  es,  Finanzwissenschaft.

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