Full text : Finanzwissenschaft

III.  Abschnitt.  Begriff  und  Geschichte  der  Staatshaushaltslehre.  23
deutung  Smith’s  liegt  nicht  darin,  was  gewöhnlich  hervorgehoben
wird,  daß  er  die  vier  Kanone  des  Steuerwesens  aufstellt,  da  ja  dieselben ­
  zum  Teil  selbst  in  älteren  Werken  zu  finden  sind,  sondern
daß  er  äußerlich  namentlich  die  Finanzwissenschaft  zu  einem  ergänzenden ­
  Teil  der  Nationalökonomie  machte,  woran  die  meisten
englischen  Schriftsteller  auch  heute  noch  festhalten;  auch  innerlich
verknüpfte  er  beide  insofern,  als  er  die  Steuern  auf  Grund  der
Einkommenszweige  klassifiziert  und  zwar  als  Steuern,  die  auf  die
Grundrente,  auf  den  Kapitalzins,  auf  den  Arbeitslohn  gelegt  sind,
obwohl  freilich  kaum  eine  Steuer  zu  finden  ist,  die  gerade  diesen
ausschließlichen  Charakter  besitzt,  da  ja  diese  Einkommen  nur
selten  vollständig  isoliert  vorkommen.  Die  englischen  Finanzschriftsteller ­
  sind  dieser  Einteilung  fast  ohne  Ausnahme  bis  auf  unsere
Tage  treugeblieben.  Auf  Grund  dieser  Einteilung  ist  es  dann  das
Hauptbestreben  Smith’s,  die  Einwirkung  der  Besteuerung  auf  die
Volkswirtschaft  zu  untersuchen,  während  andere  Probleme  der  Finanzwirtschaft ­
  unerörtert  bleiben.  Wenn  wir  aber  diese  Seite  der
Finanzwissenschaft  Smith’s  betrachten,  so  unterliegt  es  keinem
Zweifel,  daß  er  sehr  tief  eindrang  in  die  Untersuchung  der  volkswirtschaftlichen ­
  Kückwirkungen  der  Besteuerung.  Auch  darf  nicht
unerwähnt  bleiben,  daß  kaum  ein  Schriftsteller  so  gründliche,  tiefe,
freilich  manchmal  zu  sehr  ins  einzelne  gehende  und  einseitige  Erörterungen ­
  über  die  verschiedenen  Zweige  der  Staatsausgaben  bietet,
ja  seine  hieher  gehörigen  Untersuchungen  bilden  gewissermaßen
eingehende  Monographien  über  Kirchenpolitik,  Unterrichtspolitik,
Militärpolitik  usw.,  obwohl  auch  hier  bemerkt  werden  muß,  daß  sowohl ­
  Smith  als  seine  Nachfolger  fast  ausschließlich  englische  Besteuerungsverhältnisse ­
  vor  Augen  hielten.  Smith  hat  das  Verdienst,
unter  dem  Einflüsse  der  Physiokraten  zu  dem  Resultate  zu  gelangen,
daß  die  volkswirtschaftlich  rationelle  Quelle  aller  Steuer  das  Einkommen ­
  ist,  was  ebenso  der  weiteren  Entwicklung  als  Richtschnur ­
  diente,  wie  ja  auch  seine  vier  Maximen  der  Besteuerung
zum  großen  Teil  den  Inhalt  der  Steuerpolitik  und  Steuerreformen
des  XIX.  Jahrhunderts  bildeten,  ja  noch  der  Gegenwart  und  Zukunft ­
  bilden.
So  wie  die  Volkswirtschaftslehre  sich  eigentlich  aus  der  Kameralistik ­
  resp.  Finanzwissenschaft  entwickelte,  so  hat  hinwieder
die  Weiterentwicklung  der  Volkswirtschaftslehre  nicht  ohne  Einwirkung ­
  auf  die  Finanzwissenschaft  bleiben  können.  Und  dieser
Einfluß  macht  sich  merkwürdigerweise  beiläufig  gerade  in  der
Periode  geltend,  wo  sich  die  Finanzwissenschaft  als  selbständige
Lehre  von  der  Nationalökonomie  loslöst.  Solange  als  die  Finanz-
            
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