Full text : Finanzwissenschaft

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5.  Buch.  Der  Staatskredit.

Steuerquellen  vollkommen  versagen  würden,  nicht  immer  den  Tatsachen ­
  entspricht.  Im  nordamerikanischen  Bürgerkriege  stiegen
die  ordentlichen  Einnahmen  des  Staates  von  41,5  Millionen  Dollar
(1861)  auf  558  Millionen  Dollar  (1866),  in  so  bedeutendem  Maße
also,  daß  im  letzteren  Jahre  durch  Anlehen  bloß  97,6  Millionen
Dollar  zu  decken  waren,  im  vorerwähnten  Jahre  dagegen  864,8
Millionen  Dollar.  Im  gegenwärtigen  Weltkriege  haben  alle  Staaten
ihre  Steuereingänge  bedeutend  erhöht,  so  z.  B.  Großbritannien  von
189  Mill.  £  (1914/15)  auf  769,6  Mill.  £  (1918/19);  als  auf  das
Dreifache.  Trotzdem  freilich  spielt  der  Kredit  die  Hauptrolle.
Die  Einkommensteuer,  die  im  Jahre  1914/15  auf  56,5  Mill.  £
veranschlagt  war,  wurde  1917/18  auf  225  Mill.  £  veranschlagt.
In  Österreich  präliminiert  das  Budget  für  das  Jahr  1918/19
2300  Mül.  mehr  Einnahmen  als  im  letzten  Friedens  jähre.  Es  ist
also  durchaus  nicht  vollständig  ausgeschlossen,  daß  durch  Steuern
die  Einnahmen  einen  solchen  Zuwachs  erhalten,  welcher  mit  den
größeren  Bedürfnissen  im  Einklang  steht.  Freilich  kann  auch  der
Fall  eintreten,  daß  infolge  des  Krieges  die  Steuereingänge  eine
Abnahme  erleiden,  aber  auch  das  kann  nicht  als  notwendige  Folge
betrachtet  werden,  da  jeder  danach  streben  wird,  seine  Produktion
auf  der  bisherigen  Höhe  zu  erhalten.  Der  Umstand  muß  aber  gewiß  im
Auge  behalten  werden,  daß  die  Erhöhung  der  Steuern  einem  größeren
Widerstreben  begegnet,  als  Anlehen,  da  die  Letztem  jene  in  Anspruch ­
  nehmen  die  ihre  Kapitalien  nutzbringend  anlegen  wollen.
Die  bezahlte  Steuer  betrachtet  jeder  für  sich  als  verlorenes  Gut,
den  erworbenen  Anlehentitre  als  Vermögenszuwachs.  Freilich  verursacht ­
  auch  das  Anlehen  in  Zukunft  Kosten,  doch  ist  es  eine
psychologische  Wahrheit,  daß  wir  die  zukünftigen  Lasten  momentan
nicht  so  sehr  fühlen  als  die  gegenwärtigen.  Für  die  Inanspruchnahme ­
  der  Steuerquellen  spricht  überdies  der  Umstand,  daß  hierdurch ­
  die  Regierung  mehr  unter  die  Kontrolle  des  Volkes  kommt.
Anlehen  können  auch  für  solche  Kriege  aufgenommen  werden,  die
nicht  populär  sind.  Aber  mit  Steuergeldern  kann  ein  Krieg  nur
geführt  werden,  wenn  das  Volk  denselben  billigt.  Und  da  in  demokratischen ­
  Zeiten  ein  Krieg  nicht  begonnen  werden  kann,  den  das
Volk  nicht  billigt,  so  kann  der  Fall  gar  nicht  vorkommen,  daß  das
Volk  die  mit  dem  Krieg  verbundenen  Kosten  nicht  tragen  wollte.
„Das  Maß  der  Steuer  bildet  die  Begeisterung  des  Volkes“  sagt  ein
Schriftsteller.
Auf  die  Frage  *)  der  Deckung  durch  Steuern  oder  Anlehen
1 )  Neuere  Literatur:  Diehl,  Kriegssteuer  oder  Kriegsanleihe  (1912),  Lansburgh,
  usw.
            
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