Full text : Kapitalismus und Sozialismus

„Holloh!"  schrie  jetzt  Karl  ganz  aufgeregt.  „Wenn  das  alles  richtig  ist,
dann  würde  das  ja  bedeuten,  daß  sich  der  Kapitalismus  selbst  umbringt.
Denn  durch  sein  eigenes  Wachstum  verringert  er  seinen  eigenen  Prosit.
Von  dem  aber  lebt  er.  Wenn  das  so  fortgeht,  dann  wird  man  noch  einmal
in  der  Zeitung  unter  den  Todesnachrichten  lesen  können:  „Gestern  hat
der  Herr  Kapitalismus  nach  langem,  schwerem  Leiden  seinem  Leben  durch
Erwürgen  selbst  ein  Ende  gemacht.  Friede  seiner  Asche."  Das  wird  lustig
sein!"  Und  Karl  lachte  über  das  ganze  Gesicht.

Die  Ueberproduktion.
Als  ich  von  einer  längeren  Reise  zurückkehrte,  traf  ich  bald  wieder
meine  beiden  jungen  Freunde.  Kaum  waren  wir  wieder  beisammen  und
hatten  uns  eben  begrüßt,  so  begann  Karl:  „Während  deiner  Abwesenheit
haben  wir  uns  viel  gestritten,  wir  sind  aber  bis  heute  noch  zu  keiner  Einigung ­
  gekommen.  Wilhelm  warf  nämlich  die  Frage  auf,  wo  denn  eigentlich
die  ungeheuren  Warenmassen  alle  hinkommen,  die  Jahr  für  Jahr  produziert ­
  werden?  Wir  haben  gesehen,  daß  die  Fabrikanten  fortwährend  neue
Maschinen  einstellen,  und  daß  sie  das  tun  müssen,  wenn  sie  nicht  von  anderen
Konkurrenten  unterboten  werden  wollen.  Da  nmß  aber  doch  die  Produktion
von  Jahr  zu  Jahr  steigen,  und  zwar  sehr  schnell.  Wo  kommt  das  alles  hin?
Die  Zahl  der  Arbeiter  und  ihr  Lohn  wachsen  doch  lange  nicht  so  schnell  wie
die  Erzeugung  von  Waren.  Und  schließlich  können  die  Kapitalisten  allein
doch  nicht  soviel  aufzehren.  Sie  treiben  ja  allen  möglichen  Luxus;  aber
gerade  die  Massenartikel  werden  doch  nicht  von  den  reichen  Leuten  verbraucht, ­
  sondern  von  den  ärmeren,  besonders  von  den  Arbeitern.  Wer  kaust
also  die  Unmengen  von  Waren?
Diese  Frage  hat  uns  viel  zu  denken  und  zu  streiten  gegeben.  Zuerst
meinte  ich,  daß  doch  ein  sehr  großer  Teil  der  Arbeit  gar  nicht  auf  Lebensmittel, ­
  Wohnhäuser  u.  s.  w.  verwendet  wird,  also  aus  Sachen,  die  von  den
Menschen  unmittelbar  verbraucht  werden,  sondern  daß  ein  großer  Teil  der
jährlichen  Arbeit  zur  Herstellung  von  Maschinen,  Eisenbahnen,  Fabrik-'
  gebäuden,  Bergwerken  u.  s.  w.  verwendet  wird,  und  nach  diesen  ist  der  Bedarf
unbeschränkt.  AIs  ich  das  aber  Wilhelm  sagte,  wandte  er  ein,  daß  so  die
Schwierigkeit  nicht  beseitigt  wird,  sondern  nur  hinausgeschoben.  Denn  alle
diese  Maschinen  u.  s.  w.  dienen  doch  dazu,  noch  mehr  Waren  für  den
Lebensbedarf  herzustellen,  und  so  wird  die  Schwierigkeit  immer  größer
statt  kleiner."
„Ich  finde  die  Sache  gar  nicht  so  furchtbar  schwierig",  unterbrach
Wilhelm  seinen  Freund;  „ich  habe  dir  ja  schon  öfters  gesagt:  gerade  daraus,
daß  soviel  produziert  wird,  was  bei  uns  nicht  verkäuflich  ist,  geht  hervor,
wie  notwendig  es  ist,  daß  exportiert  wird.  Im  Inland  lassen  sich  die  Waren
nicht  mehr  absetzen,  so  schickt  man  sie  eben  ins  Ausland."
„Aber  wäre  es  denn  da  nicht  viel  besser,  die  Löhne  der  Arbeiter  würden
erhöht,  damit  die  Arbeiter  selbst  mehr  kaufen  können?"  warf  Karl  ein.
„Siehst  du,"  wandte  er  sich  an  mich,  „so  streiten  wir  jetzt  schon  die  ganze
Zeit  herum.  Wilhelm  will  immer  beweisen,  wie  wichtig  der  Aussuhrhandel
ist,  und  ich  will  ihm  beweisen,  wie  notwendig  es  wäre,  daß  die  Arbeitslöhne
erhöht  werden."
            
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