Full text : Kapitalismus und Sozialismus

98

die  Marine  kannst  du  doch  dann  auch  unsere  übrigen  militärischen
Rilstnngen  heranziehen.  Die  verschlingen  doch  Jahr  für  Jahr  noch  viel
größere  Summen,  für  die  nie  etwas  zurückkommt.  Daran  dachte  ich  freilich ­
  noch  nie,  daß  der  Militarismus  ja  eine  ungeheure  Erleichterung  auf  den
Warenmarkt  schaffen  muß.  Da  wird  uns  immer  erzählt,  daß  das  Vaterland ­
  in  Gefahr  ist  und  daß  wir  deshalb  rüsten  und  hohe  Steuern  zahlen
müssen.  Dabei  hat  aber  die  ganze  Geschichte  den  Zweck,  den  Kapitalisten
Absatz  zu  verschaffen."
„Halt",  rief  Wilhelm  dazwischen.  „Ihr  wollt  mich  t>a  beschummeln.
Werden  denn  die  Kriegsschiffe,  Kanonen,  Munition,  Lebensmittel  und  Ausrüstungsstücke ­
  für  die  Soldaten  u.  s.  w.  nicht  ebenso  bezahlt,  als  ob  sie  ins
Ausland  gingen?  Wenn  also  der  Export  keine  Erleichterung  schasst,  dann
tun  es  doch  die  Militärausgaben  auch  nicht."
„Freilich  werden  diese  schönen  Dinge  alle  bezahlt,  und  zwar  recht  gut",
antwortete  ich;  „aber  wo  kommt  das  Geld  dazu  her?  Aus  den  Steuern
und  Zöllen.  Die  Sache  ist  also  so,  daß  die  großen  Massen  des  Volkes  das
Geld  zusammenschießen  müssen,  um  den  großen  Fabrikanten  Panzerplatten,
Kanonen,  Uniformen  u.  s.  w.  abzukaufen  und  diese  schönen  Dinge  dann
wegzuwerfen  oder  vielmehr  mit  ihnen  Jahr  für  Jahr  ein  paar  hunderttausend ­
  junge,  arbeitskräftige  Männer  mit  anstrengendem  Nichtstun  zu  beschäftigen. ­
  Würde  man  alle  diese  jungen  Leute  in  der  Produktion  beschäftigen,
statt  sie  durch  zwei  Jahre  in  geschäftigem  und  anstrengendem  Müßiggang
zu  erhalten,  dann  würde  die  Produktion  noch  viel  rascher  wachsen,  als  sie  es
schon  tut.  Dann  würde  die  Gesellschaft  noch  mehr  in  ihrem  Warenüberfluß
ersticken."
„Das  wäre  aber  auch  ein  Unglück!"  rief  Karl  ganz  grimmig  dazwischen.
„Es  können  doch  gar  nicht  zuviel  Waren  da  sein.  Es  gibt  noch  so  viele
Leute,  die  hungern  und  frieren,  die  kein  Dach  über  dem  Kopfe  haben  und
in  Lumpen  gehen.  Und  da  soll  es  eine  Ueberproduktion  geben?  Sollen  nur
die  Kapitalisten  die  Löhne  erhöhen,  dann  werden  sic  gleich  Absatz  für  ihre
Waren  haben!  Dann  brauchen  wir  den  ganzen  Militarismus  nicht  mehr."
„Ja,  seht  ihr,"  erwiderte  ich,  „wenn  es  wirklich  das  Ziel  und  der
Zweck  unserer  Wirtschaft  wäre,  die  Bedürfnisse  der  Menschen  zu  befriedigen,
dann  wäre  die  Sache  sehr  einfach,  dann  gäbe  es  die  Frage  der  Ueberproduktion ­
  überhaupt  nicht.  Dann  ginge  es  allen  Menschen  um  so  besser,
je  mehr  Güter  erzeugt  würden;  denn  um  so  mehr  entfiele  dann  auf  den  einzelnen. ­
  So  wäre  es  in  einer  sozialistischen  Gesellschaftsordnung.  Heute  aber
wird  die  ganze  Produktion  nur  von  dem  Streben  nach  Profit  beherrscht.
Es  fragt  sich  nicht,  ob  die  Produkte  nützlich  sind,  sondern,  ob  sie  mit  großem
Nutzen  verkauft  werden  können.  Darum  wird  zum  Beispiel  riesig  viel
Kapital  und  unmittelbare  Arbeit  auf  die  Schnapsbrennerei  verwendet,  obgleich ­
  der  Schnaps  gar  nichts  Nützliches,  sondern  ein  gefährliches  und  schädliches ­
  Gift  ist,  während  zugleich  eine  Menge  Menschen  hungern,  die  von  dem
Getreide  und  den  Kartoffeln,  die  jetzt  gebrannt  werden,  ganz  gut  leben
könnten.
Da  nun  aber  die  Höhe  des  Profits  in  unserer  Wirtschaft  das  Ausschlaggebende ­
  ist,  rönnen  sich  die  Kapitalisten  natürlich  mit  einer  Maßregel
nicht  befreunden,  die  diesen  Profit  schmälert.  Eine  Erhöhung  der  Löhne  tut
das  aber,  wie  wir  gesehen  haben.  Daher  ist  es  den  Kapitalisten  viel  lieber,
Jahr  für  Jahr  Hunderte  von  .Millionen  ins  Meer  zu  werfen  oder  in
Kanonen,  Festungen  u.  s.  to.  zu  stecken,  die  ja  doch.fast  ganz  von  der  großen
Masse  des  armen  Volkes  bezahlt  werden  müssen,  als  die  Arbeitslöhne  zu
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.