Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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„Wie  soll  das  aber  gehindert  werden?"  warf  Wilhelm  ein.  „Können
die  Gewerkschaften  znm  Beispiel  die  Bildung  von  Kartellen  vereiteln?
.Können  sie  verhindern,  daß  der  Große  den  Kleinen  frißt?"
„Nein,  das  können  sie  gewiß  nicht,"  entgegnete  Karl  finster,  „aber
wenn  es  zum  Aenßersten  kommt,  wenn  die  Arbeiter  zur  Verzweiflung  getrieben ­
  werden,  dann  können  die  Arbeiter  die  Fabrikanten  hinauswerfen
und.selber  das  Werk  weiterführen.  Glaubt  ihr  zum  Beispiel,"  fuhr  er  erregt ­
  fort,  „wir  könnten  nicht  unsere  Fabrik  auch  ohne  die  Herren  Aktionäre
fortführen?  Ein  paar  Ingenieure  würden  schon  zu  uns  halten,  und  bei
uns  sind  genug  tüchtige  Kerle,  die  die  Kunst  und  Wissenschaft  bald  heraus
hätten."
„Nun  ja,"  mischte  ich  mich  wieder  in  das  Gespräch,  „das  ist  ja  ganz
schön,  was  du  da  sagst.  Aber  ich  weiß  nur  nicht,  ob  damit  allzuviel  gewonnen ­
  wäre."
„Na,  hörst  du,"  unterbrach  nnch  Karl  entrüstet.  „Damit  soll  nicht  geholfen ­
  sein,  wenn  die  Fabrik  jetzt  den  Arbeitern  selbst  gehört  und  nicht  mehr
den  Aktionären?  Dann  würden  wir  doch  auch  den  ganzen  Ertrag  der
Fabrik  unter  uns  teilen  können.  Wir  bekämen  also  alles,  was  heute  die'
Herren  Aktionäre  und  Direktoren  einstecken.  Und  das  soll  kein  Vorteil  sein?"
„Das  bestreite  ich  gar  nicht",  erwiderte  ich.  „Die  Frage  ist  nur,  wie
lange  die  Herrlichkeit  dauern  könnte.  Es  sind  ja  solche  Versuche  genossenschaftlicher ­
  Fabriken  schon  oft  gemacht  worden:  aber  sie  sind  fast  alle  zugrunde ­
  gegangen,  oder  die  Genossenschaften  haben  sich  in  Aktiengesellschaften
umgewandelt.  Und  das  ist  auch  begreiflich."
„Na,  da  bin  ich  aber  neugierig",  rief  Karl  kampfbereit.
„Sind  bei  euch  immer  gleich  viele  Arbeiter  beschäftigt?"  Mit  dieser
Frage  wandte  ich  mich  nun  an  ihn.
„Nein,"  erwiderte  er.  „Es  ist  ein  fortwährendes  Kommen  und  Gehen,
je  nachdem,  wie  die  Geschäftslage  ist.  Geht  das  Geschäft  gut,  so  werden
mehr  Arbeiter  eingestellt.  Geht  es  schlechter,  so  werden  welche  entlassen.
Werden  neue  Maschinen  aufgestellt,  so  werden  alte  Arbeiter  weggeschickt
und  neue  bei  der  Maschine  eingestellt,  natürlich  weniger,  als  früher  da
waren.  Steigt  dann  wieder  die  Produktion,  so  werden  wieder  mehr  Arbeiter ­
  herangezogen.  So  schwankt  die  Zahl  fortwährend."
„Schön,"  erwiderte  ich.  „Was  geschähe  aber,  wenn  die  Arbeiter  Genossenschafter ­
  wären?  Dann  kann  doch  keiner  „entlassen"  werden."
„Statt  dessen  müßten  dann  eben  alle  kürzere  Zeit  arbeiten",  warf
Wilhelm  ein.
„Nein,  so  einfach  geht  _  es  doch  nicht,"  erwiderte  Karl  nachdenklich:
„wenn  zum  Beispiel  bei  uns  in  der  Fabrik  kürzere  Zeit  gearbeitet  würde,
bapn  müßten  die  Maschinen  u.  s.  w.  um  soviel  länger  ruhen.  Dadurch  wird
aber  das  ganze  Unternehmen  unrentabel:  und  wenn  das  länger  dauert,  dann
müßte  die  Fabrik  zugrunde  gehen,  auch  wenn  sie  den  Arbeitern  selbst  gehört.
Ferner  aber,  was  soll  man  tun,  wenn  sich  das  Geschäft  hebt?  Soll  man
da  Ueberzeit  arbeiten  oder  sollen  mehr  Genossenschafter  eintreten,  die  dann
in  schlechten  Zeiten  nicht  genug  zu  tun  haben?"
„Nun,  da  gäbe  cs  ja  ein  einfaches  Auskunftsmittel,"  warf  Wilhelm
ein.  „Wenn  sich  das  Unternehmen  ausdehnt,  werden  einfach  zunächst  Lohnarbeiter ­
  ^eingestellt,  und  erst  wenn  man  sich  überzeugt  hat,  daß  sich  die  Sache
halten  läßt,  daß  die  Ausdehnung  des  Betriebes  von  Dauer  ist,  dann  läßt
man  sie  an  der  Genossenschaft  teilnehmen."
            
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