Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Was  ist  Sozialismus?
„Und  es  ist  doch  ein  Unsinn,  was  dn  da  sagst.  Die  Menschen  sind  nun
einmal  nicht  gleich,  und  es  ist  darum  auch  ein  Unsinn,  sie  gleich  behandeln  j
zu  wollen."
„Gar  so  ungleich  sind  die  Menschen  nicht,  wie  man  immer  sagt.  Ilngleich
  ist,  was  sie  lernen,  wie  sie  auswachsen,  und  deshalb  sind  auch  die  erwachsenen ­
  Leute  so  verschieden.  Gib  das  Kind  einer  Gräfin  zu  einer  Arbeiterin ­
  und  umgekehrt,  und  kein  Mensch  wird  es  später  bemerken."
Dieses  Gespräch  hörte  ich  unlängst,  als  ich  an  einem  schönen  Sonntagvormittag
  auf  einer  Bank  im  Tiergarten  saß.  Zwei  junge  Leute  waren  im
eifrigsten  Gespräch  die  Allee  herabgekommen  und  hatten,  ohne  mich  irgendwie ­
  zu  beachten,  auf  der  Bank  neben  mir  Platz  genommen.  Sie  waren  beide
nett,  aber  einfach  gekleidet.  Ihre  jugendlichen  Gesichter,  die  auf  ein  Alter
von  etwa  16  bis  17  Jahren  schließen  ließen,  sahen  intelligent  und  durch  das
Gespräch  angeregt  aus.  Der  Gegenstand  ihres  Streites  schien  für  beide  großes
Interesse  zu  besitzen.
„Erinnere  dich  nur",  begann  jetzt  wieder  der  Kleinere  van  den  beiden,
der  zuletzt  gesprochen  hatte,  „an  die  Geschichte,  die  unlängst  m  der  Zeitung
stand.  Da  war  eine  lange  Gerichtsverhandlung  darüber,  ob  das  Kind  einer
Gräfin  nicht  in  Wirklichkeit  ein  unterschobenes  Bauernkind  war.  Was  haben
sie  da  nicht  alles  ausprobiert,  um  die  Wahrheit  herauszukriegen,  und  zum
Schluß  wußte  keiner  viel  mehr  als  zu  Anfang.  Und  überhaupt,  ist  denn  das
ein  Grund,  warum  der  eine  arm  sein  soll  und  der  andere  reich?  £>Tt_  sind
doch  gerade  die  gescheiten  Leute  arm  und  die  Dummen  sind  reich.  Die  dicken,
starken  Kerls  können  oft  faulenzen  und  unsere  Martha  zum  Beispiel  muß  in
die  Fabrik  gehen,  wenn  sie  noch  so  sehr  hustet.  Ist  das  gerecht?  Muß  das  so!
sein?"  Er  hatte  sich  ordentlich  in  Eifer  geredet  und  sah  jetzt  fast  zornig  drein.
„Ja,  schön  sieht  das  nicht  aus",  sagte  der  Größere  nach  einer  kurzen
Pause.  „Aber  was  kann  man  dagegen  machen?  Es  hat  immer  Reiche  und
Arme  gegeben.  Und  ich  erinnere  mich  noch  sehr  gut,  wie  ich  eingesegnet
wurde,  sagte  auch  der  Herr  Pastor,  daß  Gott  es  so  eingerichtet  habe,  damit
die  Armen  sich  in  Demut  üben  und  die  Reichen  in  Barmherzigkeit.  Wenn
keiner  mehr  den  anderen  brauchte,  sagte  er,  da  würden  sich  die  Menschen
ganz  fremd  werden,  jeder  würde  nur  für  sich  sorgen  und  eigensüchtig
werden."
„Und  du  glaubst  das?"  platzte  ratn  der  andere  heraus.  „Der  Pastor
hat  doch  auch  gesagt,  daß  Gott  allgerecht  und  allgütig  ist.  Und  da  soll  die
schöne  Einrichtung  von  ihm  sein,  daß  der  arme  Teufel  demütig  bitten  muß,
damit  der  Reiche  seine  Barmherzigkeit  zeigen  kann.  Neulich  ist  unsere  Martha
heulend  nach  Hause  gekommen  und  hat  erzählt,  daß  sie  in  der  Fabrik,  wo  sie
früher  gearbeitet  hat,  entlassen  worden  ist.  Na,  die  Mutter  hat  sie  schön  ausgescholten. ­
  Zuerst  wollte  die  Martha  gar  nicht  sagen,  was  denn  auf  einmal
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