Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Wien  studierte  und  der  schrieb  lange  Briefe  an  seinen  Vater  nach  Hause.  Die
gingen  dann  von  Hand  zu  Hand,  nicht  nur  bei  uns,  sondern  oft  auch  in  den
Nachbardörfern.  Der  erzählte,  wie  Mitte  März  in  Wien  das  Volk  aufgestanden ­
  war,  wie  auf  den  Straßen  gekämpft  wurde  und  endlich  die  Revolution ­
  siegte,  wie  die  Minister  davonliefen  und  der  Kaiser  ein  Parlament
,  versprach.  Daß  man  hätte  den  Kaiser  verjagen  wollen,  das  war  nicht  wahr.
Aber  eine  Nationalgarde  hatten  die  Wiener  gebildet,  Bürger,  Arbeiter  und
besonders  die  Studenten  hatten  sich  bewaffnet,  und  da  beschlossen  denn  die
Bauern,  das  auch  zu  tun.  Da  tauchten  alle  möglichen  alten  Schießprügel
auf,  mein  Vetter  fand  noch  in  einer  Bodenkammer  ein  altes  Feuersteingewehr ­
  und  rückte  damit  aus.  Wer  keine  Feuerwaffen  austreiben  konnte,
der  nahm  die  Mist-  oder  Heugübel,  und  so  hatten  wir  bald  auch  im  Dorf
unsere  »Nationalgarde«,  die  fleißig  exerzierte.  Wenn  ich  mich  heute  daran
erinnere,  muß  ich  lachen,  wie  zusammengestöppelt  alles  war;  aber  damals
war  es  allen  sehr  ernst;  und  besonders  den  Herren  Amtleüten  wäre  das
Lachen  ganz  gehörig  vergangen,  wenn  sie  jetzt  versucht  hätten,  den  Bauer
so  zu  behandeln  wie  vorher.  Aber  das  versuchten  sie  gar  nicht;  die  früher
die  ärgsten  Schinder  gewesen  waxen,  die  waren  jetzt  sanft  wie  Lämmer.
|Benn  ein  Bauer  von  der  Robot,  so  hieß  die  Zwangsarbeit,  fernblieb,  dann
tat  der  Herr  Amtmann,  als  ob  er  nichts  bemerkte.  Früher  hätte  es  Prügel
gesetzt.  Manche  meinten  nun,  man  solle  der  Herrschaft  überhaupt  keine  Arbeit ­
  mehr  umsonst  leisten;  die  Mehrheit  aber  beschloß,  eine  Petition  an  den
Kaiser  zu  richten  um  Aufhebung  der  Robot.  Die  Bittschrift  wurde  auch  abgeschickt; ­
  aber  wie  das  schon  ist,  wenn  kein  Zwang  mehr  da  ist;  wer  nicht
wollte,  der  leistete  seine  Arbeit  eben  nicht,  und  die  Herrschaften  waren  froh,
wenn  ihnen  die  Bauern  nicht  noch  das  Haus  ansteckten,  wie  das  in  anderen
Gegenden  ab  und  zu  geschehen  sein  soll.
Anfangs  des  Sommers  waren  dann  die  Wahlen  für  den  ersten  Reichstag. ­
  Na,  war  das  eine  Aufregung!  Und  aus  unserem  Wahlbezirk  wurde  auch
ein  Bauer  als  Abgeordneter  nach  Wien  geschickt.  Das  war  etwas  ganz  Unerhörtes. ­
  Noch  vor  ein  paar  Monaten  hatte  der  Bauer  vor  jedem  Beamten
und  vor  jedem  Adeligen  auf  dem  Bauch  liegen  müssen.  Jetzt  schickten  sie
einen  der  ihrigen  als  Gesetzgeber  nach  Wien!  Beworben  hatten  sich  allerhand
Leute  um  das  Mandat,  darunter  auch  ein  früherer  Amtmann,  der  jetzt  den
Bauern  schrecklich  schön  tat;  aber  die  trauten  ihm  nicht  über  den  Weg  und
wählten  lieber  einen  der  ihrigen.  Bald  darauf  hörte  man,  daß  im  Reichstag
über  Bauernbefreiung  verhandelt  wurde  und  unser  Abgeordneter  schrieb  oft
darüber  nach  Hause.  Gar.so  eilig  hatte  man  es  im  Dorf  damit  eigentlich
nicht  einmal;  denn  dort  leistete  ohnehin  keiner  mehr  die  Robot,  und  wenn
die  Ablösung  gesetzlich  wurde,  dann  mußten  die  Bauern  der  Herrschaft  etwas
bezahlen.  Trotzdem  freuten  sich»aber  doch  alle,  als  man  im  September  erfuhr, ­
  wie  ein  Gesetz  vom  Reichstag  angenommen  worden  war,  daß  viele
Lasten  ganz  unentgeltlich  aufgehoben  sein  sollten,  andere  nur  gegen  eine
kleine  Entschädigung.  Freilich  hatten  viele  gehofft,  es  werde  alles  einfach
so  bleiben,  wie  es  nun  geworden  war,  das  heißt,  daß  die,  Robot  ganz  ohne
Bezahlung  wegfalle;  aber  die  meisten  waren  doch  sehr  zufrieden  mit  dem,
was  der  Reichstag  damals  beschloß.  Später,  als  wirklich  reguliert  wurde
und  mancher  dennoch  ein  schönes  Stück  Geld  zu  zahlen  hatte,  murrten  wieder
viele,  jedoch  auch  die  beruhigten  sich  bald.
Aber  die  Revolutionäre  in  Wien  wollten  noch  keine  Ruhe  geben  und
trieben  die  Sache  immer  ärger,  so-  daß  der  Kaiser  aus  Wien  flüchten  mußte
und  dann  verbanden  sie  sich  sogar  mit  den  rebellischen  Ungarn.  Dafür  to«»-
            
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