thumbs: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Zweites Kapitel. 
Die Entstehung der exakten Wissenschaft. 
In der Schilderung, die Sokrates im Phaedon von dem 
Wege seiner philosophischen Entwicklung entwirft, treten zwei 
Grundarten der Naturbetrachtung und -beurteilung scharf ‚und 
praegnant einander gegenüber. Die eine wendet sich unmittelbar 
den Dingen zu, die sie in ihrer vollen sinnlichen Bestimmtheit 
zu erfassen und in ihrem ganzen Gehalt an tatsächlichen Merk- 
malen und Eigenschaften auszuschöpfen sucht: „mit den Augen 
nach den Gegenständen blickend und mit jeglichem Sinn ver- 
suchend, sie zu ergreifen.“ Das Ziel des Wissens aber wird mit 
diesem Verfahren nicht erreicht: die Seele muss gegenüber der 
bunten und vielgestaltigen Welt erblinden, wenn sie sich ihr 
unvermittelt zu nähern trachtet. So gilt es denn vor allem, das 
Werkzeug zu schmieden, das den Geist tüchtig und ausdauernd 
macht, den Anblick dieser Fülle und Vielheit der Dinge zu 
ertragen: von den Gegenständen lenkt der Weg zu den Be- 
griffen zurück, in denen zuerst wir die Wahrheit des Seienden 
erschauen müssen, ehe wir versuchen können, seine empirische 
Form und Einzelheit zu verstehen. Zu den ersten und ursprüng- 
lichen Setzungen des Denkens müssen wir flüchten, um gemäss 
der Uebereinstimmung mit ihnen über Wert uud Unwert, über 
Wahrheit und Wirklichkeit der Objekte entscheiden zu lernen. 
In dieser Fixierung des Grundverhältnisses zwischen den 
Adyoı und den xpdypata, zu der man immer von neuem sich 
zurückwenden muss, hat Platon — denn er selbst ist es, den wir 
hier, deutlicher als sonst, im Bilde des Sokrates wiedererkennen — 
Anke
	        
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