Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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wollten.  Der  Onkel  Le  Play’s  war  eine  neutrale  Persönlichkeit,  die
die  politischen  Interessen  den  wirtschaftlichen  unterordnete.  Dadurch ­
  hatte  er  sich  auch  in  den  mannigfachen  politischen  Krisen
sein  Vermögen  bewahrt.  Aber  er  war  eine  wahrheitsliebende  Natur,
die  die  Schwächen  der  alten  wie  der  neuen  Aristokratie  mit  gleicher
Schärfe  kritisierte.  Über  die  beiden  anderen  Lehrer  lassen  wir  Le
Play  selbst  urteilen:
„Der  Gelehrte“,  ein  ehemaliger  Beamter,  war  begeistert  für  die  wissenschaftliche ­
  Bildung  und  hatte  sich  in  Frankreich  wie  im  Auslande  dem  Unterricht ­
  gewidmet.  Er  trug  mehr  als  jeder  andere  durch  sein  Vorlesetalent  zum
Reiz  unserer  Abende  bei  und  er  leitete  mich  mit  seltener  Geduld  in  meiner
eigenen  Lektüre.  Im  Grunde  seines  Herzens  neigte  er  zu  Rousseau,  den
Enzyklopädisten  und  den  Girondisten;  in  dieser  Hinsicht  wurde  er  an  unseren
Abenden  lebhaft  bekämpft.  Das  war  besonders  die  Aufgabe  des  dritten
Lehrers,  des  „Gentleman“;  er  ließ  es  sich  namentlich  angelegen  sein,  den
beherrschenden  Einfluß  nachzuweisen,  den  die  Religion  auf  das
individuelle  Glück  wie  auf  die  allgemeine  Wohlfahrt  ausübt.  Als  er,  um  dem
Schafott  zu  entrinnen,  aus  Frankreich  fliehen  mußte  und  seiner  Güter  beraubt
wurde,  wollte  er  zunächst  die  Emigranten  jenseits  des  Rheins  vereinigen;
aber  er  sah  bald  ein,  daß  ihre  Sache  verloren  war.  So  blieb  ihm  bis  zu  seiner
Rückkehr  nach  Frankreich  nichts  anderes  übrig,  als  sich  in  Deutschland  dem
Unterricht  und  dem  Studium  zu  widmen.  Er  sah  in  der  Korruption  der
herrschendeu  Klassen  des  ancien  regime  die  Hauptursache  der
Revolution.  Er  hatte  das  bedauerliche  Schauspiel  der  Gottlosigkeit  und
Verderbnis  mitangesehen,  das  die  Sitten  der  Emigranten  in  Koblenz,  Köln
und  in  den  Residenzstädten  darboten,  welche  die  Gastfreundschaft  der  deutschen
Fürsten  ihnen  angewiesen  hatte:  er  erklärte,  daß  diese  Mißstände  in  den  Augen
der  Deutschen  nach  und  nach  zur  Verteidigung  oder  wenigstens  zur  Entschuldigung ­
  der  Revolution  geworden  waren.  Solche  Lehren  kehrten  in  lebhaften ­
  und  geistreichen  Worten  bei  Gelegenheit  der  täglichen  Ereignisse  beständig ­
  wieder;  sie  gaben  meinem  Geiste  die  ersten  Begriffe  eines  moralischen
und  wissenschaftlichen  Unterrichts,  den  mir  die  Schule  nicht  geben  konnte.
Der  Zufall  hat  Le  Play  insofern  begünstigt,  als  er  ihm  schon  von
den  ersten  Kindheitsjaliren  an  eine  so  allseitige  Erziehung  gab,  wie
sie  nicht  jedem  Knaben  geboten  wird.  Die  Verschiedenheit  des
Aufenthaltsortes  und  der  Anschauungen,  die  seine  Lehrer  ihm  vortrugen, ­
  schärften  seinen  Geist  früh,  so  daß  er  nicht  in  einseitiger
Weise  auf  bestimmte  Anschauungen  festgelegt  wurde,  sondern  erkannte, ­
  daß  die  politischen  und  sozialen  Vorgänge  sich  in  den  verschiedenen ­
  Köpfen  ganz  verschieden  spiegeln.  Absichtliche  Täuschungen ­
  konnten  nicht  die  Ursache  dieser  Meinungsverschiedenheiten ­
  sein;  denn  seine  Lehrer  waren  vorzügliche,  hartgeprüfte
Männer,  die  dem  Knaben  nur  ihr  Bestes  geben  wollten,  um  so  die
            
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