10
wollten. Der Onkel Le Play’s war eine neutrale Persönlichkeit, die
die politischen Interessen den wirtschaftlichen unterordnete. Dadurch
hatte er sich auch in den mannigfachen politischen Krisen
sein Vermögen bewahrt. Aber er war eine wahrheitsliebende Natur,
die die Schwächen der alten wie der neuen Aristokratie mit gleicher
Schärfe kritisierte. Über die beiden anderen Lehrer lassen wir Le
Play selbst urteilen:
„Der Gelehrte“, ein ehemaliger Beamter, war begeistert für die wissenschaftliche
Bildung und hatte sich in Frankreich wie im Auslande dem Unterricht
gewidmet. Er trug mehr als jeder andere durch sein Vorlesetalent zum
Reiz unserer Abende bei und er leitete mich mit seltener Geduld in meiner
eigenen Lektüre. Im Grunde seines Herzens neigte er zu Rousseau, den
Enzyklopädisten und den Girondisten; in dieser Hinsicht wurde er an unseren
Abenden lebhaft bekämpft. Das war besonders die Aufgabe des dritten
Lehrers, des „Gentleman“; er ließ es sich namentlich angelegen sein, den
beherrschenden Einfluß nachzuweisen, den die Religion auf das
individuelle Glück wie auf die allgemeine Wohlfahrt ausübt. Als er, um dem
Schafott zu entrinnen, aus Frankreich fliehen mußte und seiner Güter beraubt
wurde, wollte er zunächst die Emigranten jenseits des Rheins vereinigen;
aber er sah bald ein, daß ihre Sache verloren war. So blieb ihm bis zu seiner
Rückkehr nach Frankreich nichts anderes übrig, als sich in Deutschland dem
Unterricht und dem Studium zu widmen. Er sah in der Korruption der
herrschendeu Klassen des ancien regime die Hauptursache der
Revolution. Er hatte das bedauerliche Schauspiel der Gottlosigkeit und
Verderbnis mitangesehen, das die Sitten der Emigranten in Koblenz, Köln
und in den Residenzstädten darboten, welche die Gastfreundschaft der deutschen
Fürsten ihnen angewiesen hatte: er erklärte, daß diese Mißstände in den Augen
der Deutschen nach und nach zur Verteidigung oder wenigstens zur Entschuldigung
der Revolution geworden waren. Solche Lehren kehrten in lebhaften
und geistreichen Worten bei Gelegenheit der täglichen Ereignisse beständig
wieder; sie gaben meinem Geiste die ersten Begriffe eines moralischen
und wissenschaftlichen Unterrichts, den mir die Schule nicht geben konnte.
Der Zufall hat Le Play insofern begünstigt, als er ihm schon von
den ersten Kindheitsjaliren an eine so allseitige Erziehung gab, wie
sie nicht jedem Knaben geboten wird. Die Verschiedenheit des
Aufenthaltsortes und der Anschauungen, die seine Lehrer ihm vortrugen,
schärften seinen Geist früh, so daß er nicht in einseitiger
Weise auf bestimmte Anschauungen festgelegt wurde, sondern erkannte,
daß die politischen und sozialen Vorgänge sich in den verschiedenen
Köpfen ganz verschieden spiegeln. Absichtliche Täuschungen
konnten nicht die Ursache dieser Meinungsverschiedenheiten
sein; denn seine Lehrer waren vorzügliche, hartgeprüfte
Männer, die dem Knaben nur ihr Bestes geben wollten, um so die