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treibt dagegen große Massen erkrankter Prostituierten direkt von
jeder Heilbehandlung fort. Ja, der Zwang hat sehr enge Grenzen!
Für die gründliche und massenhafte Heilung der geschlechts-
kranken Männer und Frauen kommen hauptsächlich Maßregeln in
Frage, die das Selbstinteresse dieser Kranken für eine gründliche
Heilung ihrer Leiden entfesseln. Die durchschlagende Kraft des
Selbstinteresses wird aber bei den Geschlechtskranken nur dann in
Tätigkeit treten, wenn sie keinen wirtschaftlichen Nachteil von der
Heilbehandlung haben, und wenn der Heilbehandlung alle Annehm
lichkeiten einer frei gewählten Behandlung anhaften. Aus diesen
notwendigen Voraussetzungen heraus ergeben sich zwei Forderungen:
1. die Gewährung des notwendigen freien Unterhalts für den
Geschlechtskranken während seiner Krankheit und 2. die freie Wahl
des Arztes und die Unentgeltlichkeit der ärztlichen Hülfeleistungen
und Medikamente für alle Venerischen.
Wir schlagen also die Begründung umfassender öffentlich-recht
licher hygienischer Einrichtungen für alle Geschlechtskranken vor.
Riechen aber derartige Vorschläge nicht nach Utopie und Zukunfts
staat? Nun, man schaue sich daraufhin einmal die heutigen Kranken-
vcrsicherungseinrichtungen an!
Die deutsche Krankenversicherung gibt uns einen wertvollen
Fingerzeig für eine planmäßige, zweckentsprechende Kampfesführung
gegen die Geschlechtskrankheiten. Die deutsche obligatorische Kranken
versicherung gewährt den erkrankten Kassenmikgliedern: unentgelt
liche ärztliche Hülfe,' unentgeltliche Medikamente — und last not
least — ein Krankengeld, das dem Erkrankten notdürftig die
Existenz während seiner Erwerbsunfähigkeit gewährleisten soll. Dieses
Krankengeld stellt sich vom sozialpolitischen Standpunkte aus wohl
als die wertvollste Leistung der Krankenversicherung dar. Ohne
Krankengeld, ohne die Ausrüstung mit den allernotwendigstcn
Unterhaltsmitteln würden Hunderttausende schwerkranker Arbeiter
überhaupt keine Heilung suchen. Sie müssen vor allem existieren
und nochmals existieren, bevor sie ernstlich die Heilung ihrer Krank
heiten betreiben können. Werden ihnen nicht die allernotwendigsten
Existenzmittel vorgestreckt, so arbeiten sie trotz ihrer Krankheit bis
zur völligsten Erschöpfung ihrer Kräfte fort. Zahlreiche Mädchen,
die heute die Sündengroschen der Prostitution einstreichen und als
„Kellnerinnen" gegen Krankheit versichert sind, würden ihren
mörderischen Nebenberuf als Dirne ruhig während ihrer venerischen
Krankheiten fortsetzen, ja fortsetzen müssen, wenn ihnen nicht während
ihrer Leiden die notwendigsten Subsistenzmittel garantiert werden.
Jeder prophylaktische, auf die Heilung der Geschlechtskrankheiten hin
zielende Vorschlag wird sich als Fehlschlag erweisen, wenn er die
Frage der Unterhaltsgcwährung der Prostituierten während ihrer
Krankheiten nicht ins Auge faßt.
Die Lösung des grundlegenden sozialen Problems einer durch
greifenden Heilung aller Geschlechtskranken ist in Deutschland des-