Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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geladen  ist,  scheint  ihr  das  Programm  der  „Internationalen
abolitionistischen  Föderation"  von  erschreckender  Magerkeit  zu  sein.
Schauen  wir  auf  das  unglückliche  Opfer  unserer  sozialen
Klassenverhältnisse:  auf  die  Prostituierte.  Sie  ist  meist  keine
Persönlichkeit  mehr,,  sie  ist  ein  entmenschtes  Wesen.  Ihre  Persönlichkeit ­
  must  erst  wiederhergestellt  werden.  Erst  eine  gründliche
sozial-ethische  Erziehung,  eine  tüchtige  wirtschaftliche  Schulung  für
einen  Lebensberuf  richtet  ihre  Individualität  wieder  aus.  Gerade
ihre  vertiefte  soziale  Auffassung  von  der  Lösung  des  Prostitutionsproblems' ­
  mußte  viele  überzeugte  Sozialdeniokraten  von  der  Teilnahme ­
  an  der  abolitionistischen  Bewegung  bisher  abhalten.  In  den
Statuten  der  „Internationalen  abolitionistischen  Föderation"  enthalten ­
  nur  folgende  magere  Sähe  so  etwas  wie  ein  Programm
der  Föderation:  Bestrafung  der  Unzucht,  begangen  oder  versucht  i
mit  Minderjährigen  oder  Personen  des  einen  oder  anderen  Geschlechts, ­
  die  als  Minderjährige  zu  betrachten  sind,  Bestrafung  der
Unzucht,  vollzogen  oder  versucht  durch  Gewalt  oder  List,  Bestrafung
der  Verletzung  des  öffentlichen  Anstandes,  Bestrafung  der  öffentlichen ­
  Anreizung  zur  Ausschweifung  und  der  Kuppelei.  Dieses
abolitionistische  Programm  beschränkt  sich  eigentlich  auf  das  Gebiet
der  äußeren  Sittlichkeit  oder  richtiger  nur  auf  eine  Reihe  van
Sittltchkeitsverbrechen  oder  Sittlichkeitsvergehen  des  Strafgesetzbuches. ­
  Die  übrigen  Seiten  des  Prostitutionsproblems  sinken  in
den  Statuten  der  „Internationalen  abolitionistischen  Föderation"
zu  bloßen  Diskussionsfragen  herab.  Die  Prostitution  ist  nun  in
den  Augen  der  Sozialdemokratie  nicht  ein  lediglich  individuell  sittliches ­
  Problem,  das  jede  Person  für  sich  in  freier  Selbstbestimmung
zu  lösen  hat,  sondern  ein  Komplex  sozialer  Probleme,  deren  Lösung
in  einer  Reihe  von  wirtschaftlichen  und  sozialen  Umgestaltungen
der  menschlichen  Lebensbedingungen  eingebettet  ist.  Der  Sozialdemokratie ­
  erscheint  der  bloße  Fortfall  der  staatlichen  Reglementierung ­
  der  Prostitution  als  eine  ziemlich  ärmliche  und  nichtige
Sache,  und  sie  ruft  daher,  soziale  Taten  heischend,  der  abolitionistischen
Föderation  zu:  Ihr  hebt  die  Prostituierte  als  Nummer,  in  der
langen  Kontrollliste  der  großstädtischen  Dirnen  auf,  aber  ihr  laßt
sie  in  ihrer  ganzen  sozialen  Jammerexistenz  in  der  bürgerlichen
Gesellschaft  fortbestehen.  Was  tut  Ihr  da  Großes?  Werden  denn
Schande  und  Eleird  überhaupt  von  der  Prostituierten  genommen,
wenn  sie  nicht  mehr  als  staatlich  anerkannte  Dirne  umherläuft?
Ruft  sie  fort  von  der  Gasse  und  verwandelt  sie  in  eine  schaffende,
kämpfende  Arbeiterin!
Das  Gefühl  der  Unbefriedigung  über  die  soziale  Unfruchtbarkeit
der  bisherigen  abolitionistischen  Prinzipien  steigt  bereits  in  den  begeisterten ­
  Anhängern  und  Anhängerinnen  der  abolitionistischen  Bewegung ­
  auf.  Me  Engländerin  B.  Leppington  öffnet  in  ihrem
streitbaren  Referat  gegen  den  Neoregulationismus  die  Bahn  für
eine  positive  soziale  Arbeit  der  Abolitionisten.  Sie  schreibt:
            
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