Full text: München als Industriestadt

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Neben epochemachenden modernen Bestrebungen lebt in 
der „Edelschmiedekunst“ Münchens eine archaisierende 
Richtung, die in der Innendekoration die verwandte Seele 
beim Münchener Meister Gabriel Seidl findet. Diese bisherige 
Eigenart ist heute noch keineswegs durchbrochen worden. 
Ratsherrliche Tafelzierate, Willkommensbecher, Schaugerät für 
die mächtigen Kredenzen alter Stadthäuser, geschaffen im 
Geiste deutscher Vergangenheit, verraten uns die Schöpfungen 
von Professor Seitz und Ferdinand von Miller. Hinweisen 
wollen wir noch auf die vollendete Münchener Kunst der 
Medaillen und Rlaquetten, auf die Geldstücke und Schmuck 
münzen, die zarten Frauenköpfe in mattgetönten Basreliefs, 
welche zu Nadeln und Knöpfen, sowie Anhängern verwendet 
werden, auf die schöngeschwungenen Beschläge, Griffe und 
Schließen, auf die Leuchter endlich in schönen organisch sich 
auswachsenden Formen aus Bronze, Messing und Schmiede 
eisen. Münchener Gold- und Silberschmiedearbeiten werden 
nicht wie solche in Hanau, Pforzheim, Heilbronn und Bremen 
für Weiterverkäufer gefertigt, sondern fast ausschließlich für 
Kunden direkt, weshalb sie den Übergang zur fabrikmäßigen 
Produktion nicht unbedingt bedürfen. Und doch besteht seit 
1900 in der Stadt eine Fabrikation von Silbergeräten, Goldge 
räten und Schmucksachen in einem industriellen Großbetriebe, 
der Gold- und Silberwarenfabrik Rosenau in 
München, welche sich selbst als „kunstgewerbliche Werk 
stätte“ bezeichnet. 100—130 Arbeiter, worunter durchschnitt- 
* lieh sich etwa 10 Frauen befinden, arbeiten hier teils als 
Kunsthandwerker, teils als Maschinenarbeiter, Welche an den 
Metalldrückern und Stanzen Beschäftigung finden und von 
dem künstlerischen Prozeß wenig oder gar nichts verstehen. 
Der Wochenverdienst des Arbeiters schwankt zwischen 28 
und 36 Mark,bei 9 bis 9y 2 stündiger Arbeitszeit. Der Betrieb 
richtet sich nicht wie die kleinen Werkstätten allzusehr nach 
dem Konsum, er hat vielmehr München nur als günstigsten 
Arbeitsplatz zum Standort gewählt. Seine Produkte fin 
den als Münchener Arbeiten auch anderwärts großen Absatz, 
obwohl sie unter der Konkurrenz der Bijouteriewarenfabrik 
Pforzheim etc. zu leiden haben.
	        
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