Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

214 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
nur als Vermittlerin jener geselligen Freuden, die aus der Enge 
der Burgen regelmäßig hinausführten auf Anger und Haide, 
in Wald und Feld: darum ward Frühling und Sommer gelobt, 
Herbst und Winter gehaßt, darum gleichen alle Naturschilderungen 
in ihrem sonnenklaren und hellen Charakter jenen Landschaften, 
welche die frühen flandrischen Meister als unübertreffliche Hinter— 
gründe ihrer Bilder gemalt haben. Aber auch die schöne 
Jahreszeit wird nur im einzelnen gepriesen: der warme Sonnen⸗ 
schein, der frische Duft der erwachenden Erde, die Maienluft, 
der grünende kühle Wald, die zwitschernden Vögel, die Blumen, 
die Wiese, die Haide: die Requisiten geselligen Daseins, 
die Erfordernisse gleichnismäßigen Ausdrucks für Liebesglück 
und Liebesleid beherrschen das Naturgefühl der ritterlichen 
Gesellschaft. 
Und noch schaute man selbst diese Einzelheiten künstlerischen 
Auges nur ins allgemeine umrissen; noch blühte, wenngleich 
schon ermattend, die Pflanzenornamentik, noch entwickelte sich 
eine neue kaum noch ornamental, aber um so mehr auf strengste 
konventionell zu benennende Ornamentik der Tiere. War da 
eine künstlerische Auffassung der Landschaft von volkstümlicher 
Grundlage aus schon denkbar? Wo sie im Bilde gewagt wird, 
da wird Ornament neben Ornament gestellt, an ornamentalen 
Sträuchern und Bäumen vorbei bewegen sich fast noch orna— 
mental aufgefaßte Tiere: von natürlichen Farben, von Vorder⸗, 
Mittel- und Hintergrund, von Tiefe überhaupt, geschweige denn 
von Licht und Luft ist niemals die Rede. 
Noch meisterte der Mensch die Natur weder materiell noch 
geistig; Generationen sollten vergehen, ehe ihm seine Umgebung 
als Ganzes entgegentrat, Zeitalter, ehe er sie denkend, dichtend 
und bildend beherrschte. 
IBVI. 
Der Fortschritt von der Kultur der ottonischen Renaissance 
zu dem frohen dichterischen und künstlerischen Treiben der 
Stauferzeit vollzog sich nicht ohne merkwürdige Übergänge. 
Schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts begann
	        
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