Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

216 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
an; namentlich die virtuose Ausnutzung der Übereinstimmung 
oder des Gegensatzes von Natur- und Liebesgefühl scheint von 
dorther entlehnt zu sein. Im übrigen aber stehen Form und 
Sprache ihrer Satiren und Lobgedichte, ihrer Wander- und 
Liebeslieder auf eigenen Füßen; es zeigt sich in ihnen, daß das 
Latein der Renaissance zu selbständigem organischem Bau und voller 
Bildungsfähigkeit erwachsen ist. Und auch inhaltlich trägt diese 
Poesie, die sich bis ins 183. Jahrhundert hinzieht, einen durchaus 
eigenartigen Stempel; mit dem Haß gegen die Ritter, der Ver— 
achtung gegenüber dem bildungslosen Laientum verbindet sie 
große Lascivität der Anschauung und sinnliche Fülle des 
Ausdrucks. 
Dem Klerus, der seinen Pflichten treu blieb, waren diefe 
Dichtung und ihre Vertreter natürlich ein Greuel; er sprach 
von den Lotterpfaffen, den vagi circulares. Und hielten die 
Vaganten in ihrem Bildungsstolz für immer am Latein fest, so 
begann er, aus dem Verfall der Renaissance sich rettend, das 
Deutsche aufzusuchen, um in der Muttersprache seinen religiösen 
Pflichten gegen die Nation gerecht zu werden. Schon im 
11. Jahrhundert bildete er einen deutschen Teil der Liturgie 
heraus, der aus Meßpredigt und darauffolgender allgemeiner 
Beichte, Absolution und Segen bestand, und dem sich bisweilen 
noch die deutsche Aussprache des Glaubens und des Vaterunsers 
anschloß. Im Mittelpunkte dieser deutschen Teile des Gottes— 
dienstes stand das Bußsakrament; eben von seinem Gedanken⸗ 
kreise aus begann der Klerus bald freier litterarisch auf die 
Laien einzuwirken. Es konnte nur in der Form deutscher Dich— 
tung geschehen. 
In Südwestdeutschland ertönen die ersten Anfänge dieser 
neuen Poesie; ein alemannischer Geistlicher, Noker, stimmt ein 
trübselig Memento mori an, eine gereimte Sittenpredigt im 
Stil der Reformmönche, die mit den Schrecken des Todes zur 
Buße droht; es ist der erste Sproß einer dichterischen Richtung, 
die von nun ab nicht abstirbt, bis sie in der Satire Heinrichs 
von Melk gewaltig austönt. 
Aber bei dem einzigen Stoffe blieb die neue geistliche Poesie
	        
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