Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistige Kultur der Stauferzeit. 215 
in Deutschland die Renaissance der Ottonen zu verfallen!. 
Der italienische Laienadel galt damals schon als weitaus 
kenntnisreicher denn der deutsche, die Kirche rühmte sich bald 
darauf in Italien Pier Damianis, in Frankreich Lanfrancs und 
Berengars: Niemanden hatte der deutsche Klerus ihnen zur Seite 
zu stellen; das einzige, was unter seiner Pflege emporblühte, 
war der kirchliche Luxus in Architektur und Kleinkunst. 
Unter dieser allgemeinen Wendung begann die Bewegung 
der Renaissance, soweit sie noch fortdauerte, immer mehr ins 
Volkstümliche hinüberzuspielen. Schon das 10. Jahrhundert 
hatte die Pebasis captivi und das Waltharilied gezeitigt; jetzt 
entstand, wohl in Tegernsee ums Jahr 1080, der Ruodlieb, 
ein lateinisches Gedicht buntesten Gemisches, in dem Motive 
aus der deutschen Heldensage wie aus weit verbreiteten Märchen— 
und Novellencyklen aneinanderschießen, ohne zu voller Einheit 
zu verschmelzen, dessen Formen an den Einfluß deutscher fahrender 
Sänger gemahnen, und dessen Beiwerk schon gleichsam die Zeit 
der ritterlichen Gesellschaft vorauskündet: so strotzt es von der 
Lust an Abenteuern, von konventioneller Ausstattung der Scenerie, 
oon leisen Zügen, welche die kommende Herrschaft der Frau 
verkünden. 
Und auch nach einer anderen Seite hin wandelte sich die 
alte Renaissance wenn nicht unmittelbar ins Nationale, so doch 
ins Volksgemäße ab. Als geistliches Gegenstück zu den Fahrenden 
— D auch in 
Deutschland die Klasse der Vaganten und Goliarden, ein jovialer 
Abhub der religiösen Bewegungen des 10. und der folgenden 
Jahrhunderte, fahrende Insassen der Klosterschulen, entlaufene 
Mitglieder des Klerus, die des Lebens Glück und Not in 
freiem Zug durch die Lande genossen, lose Sänger lateinischer 
Kneip⸗ und Zotenlieder, zwischendurch ehrsame Schreiber und 
Lehrer an den Höfen des Adels, im Winter scheinbar reuige 
Bewohner fetter Klosterhospize. Die Dichtung dieser Proletarier 
der Rengaissance knüpft gern an lateinisch-griechische Vorbilder 
1 S. Band II S. 223.
	        
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